Sport : Hamburg - Hertha BSC: Öffentliches Ärgernis

Stefan Hermanns

Eine der besten Berliner Vorlagen kam in der 70. Minute. Die Anhänger von Hertha BSC fingen ohne Grund an zu singen: "Oh, wie ist das schön", und der Großteil der restlichen gut 40 000 Zuschauer in der Hamburger AOL-Arena schlossen sich diesem Lied an. Die Fans des heimischen Hamburger SV hatten nämlich in der Tat großen Grund zur Freude. 4:0 führte ihre Mannschaft seit der 58. Minute durch Tore von Sergej Barbarez, zweimal Marcel Ketelaer und Colin Benyamin. Dabei blieb es bis zum Ende, obwohl die Hamburger noch einige weitere gute Chancen hatten. "Aber wir wollen nicht unverschämt sein", sagte Kurt Jara, der Neue des HSV, nach seinem Trainerdebüt in der Bundesliga.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Die beste Berliner Vorlage hatten die Zuschauer schon nach etwas mehr als einer Viertelstunde gesehen. Sebastian Deisler brachte den Ball fast von der Torauslinie in den Hamburger Fünfmeterraum, Michael Preetz stand dort völlig frei und traf den Ball nicht. Statt 1:0 für die Herthaner hieß es zur Pause 0:2 - weil die Berliner wieder einmal nach gutem Beginn die Linie verloren: So war es gegen Dortmund, so war es in Kaiserslautern, und so war es auch gestern beim HSV. "Wir kriegen ein Tor, und wir brechen zusammen", sagte Dick van Burik, der beim 0:2 nur neben Ketelaer herlief, anstatt ihn eingehend zu stören. Doch Fehler machten fast alle Herthaner.

Die Berliner übten sich nachher im Konjunktiv, der Sprache der Verlierer. Hätte Preetz getroffen, "wäre das Spiel ganz anders gelaufen", sagte Kostas Konstantinidis. Es ist schließlich nicht so, dass die Hamburger zu den Mannschaften in der Bundesliga gehören, deren Selbstbewusstsein zurzeit dauernd gebändigt werden muss. Einmal erst hatte der HSV in dieser Saison gewonnen. Wären die Berliner tatsächlich in Führung gegangen, "ich weiß, was das für Auswirkungen hat", sagte Herthas Trainer Jürgen Röber. Die Zuschauer fangen an zu murren, alte Zweifel, die der neue Trainer verscheucht zu haben glaubt, kehren zurück. Es wäre genau so verlaufen, wie es letztlich die Herthaner erlebten. Ende der ersten Halbzeit schaute Röber ratlos umher. "Wieso liegen wir 0:2 zurück?", fragte er sich.

Es sind immer dieselben Fragen, auf die niemand eine treffende Antwort weiß: "Wir machen einen Schritt nach vorne und dann wieder einen zurück", sagte Konstantinidis. Nach jeder Niederlage steht die Mannschaft so unter Druck, dass sie unbedingt gewinnen muss. Wenn sie es schafft, wähnt sie sich auf dem richtigen Weg. Und dann verliert sie wieder. "Ich weiß nicht, woran es liegt", sagte der Grieche.

An Sebastian Deisler und dem Theater um seinen Wechsel zu Bayern München jedenfalls nicht. Am Tag des Spiels hatte die "Bild"-Zeitung den Verrechnungsscheck des FC Bayern präsentiert, der Deisler als Empfänger von 20 Millionen Mark ausweist. "Jeder muss das schreiben, was er denkt", sagte Deislers Berater Jörg Neubauer dazu. Eine klare Aussage über die Zukunft des 21-Jährigen soll es weiterhin erst im Winter geben.

Wieder einmal war der Nationalspieler Herthas Bester. Allerdings musste er nach einer Stunde ausgewechselt werden, weil er sich bei einem Zweikampf am Knie verletzt hatte. Genaue Auskunft soll eine Kernspintomographie geben.

Als Deisler vom Platz humpelte, war ohnehin schon alles verloren. "Es ist genau das eingetreten, was nicht eintreten darf", sagte Marko Rehmer, wehrte sich aber gegen den Eindruck, "dass wir zusammengefallen sind". Genau so aber hatte es Manager Dieter Hoeneß gesehen: "Es kann nicht sein, dass man plötzlich die Ordnung verliert, wenn man ein Gegentor kassiert. Da muss man sich wehren." Hoeneß sagte auch, dass er nicht bereit sei, einfach so zuzuschauen. "Das lassen wir uns nicht bieten."

Der Schuldige ist für ihn nicht der Trainer, "das ist die Sache der Spieler", sagte Herthas Manager, der jederzeit bereit sei, "Veränderungen vorzunehmen". Seiner Ansicht nach hatte der Trainer die Mannschaft "taktisch hervorragend eingestellt". Aber was nützt das? "Es interessiert keinen, dass wir 35 Minuten gut gespielt haben", sagte Röber. Recht hat er.

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