Sport : Hamburg - Rostock: Verworrene Gefühlswelt

Karsten Doneck

Martin Pieckenhagen hatte in der vorigen Woche weitaus mehr Anfragen als gewöhnlich. Über seine Gefühlswelt wollten die Leute Bescheid wissen. Pieckenhagen hat professionell geantwortet. "Wenn ich einen entscheidenden Ball durchlasse", sagte der Torhüter, "dann wird mir doch sowieso Absicht unterstellt." Seine Schlussfolgerung: "Also muss ich alles halten." Das gelang ihm gestern zwar im Hamburger Volksparkstadion nicht, aber Vorwürfe brauchte sich der 29-jährige Torhüter von Hansa Rostock nachher dann doch nicht anzuhören. Auch wenn er das alles entscheidende Tor durch den eingewechselten Marinus Bester hatte hinnehmen müssen. "Er hat sehr gut gehalten", spendete Hansas Trainer Friedhelm Funkel seinem Schlussmann trotz der 1:2 (1:0)-Niederlage der Rostocker vor 51 551 Zuschauern beim Hamburger SV ein dickes Lob. Und auch Werner Hackmann, der HSV-Präsident, war voll des Lobes: "Der hat ein paar Unhaltbare pariert."

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? Was der Partie die pikante Note gab: Pieckenhagen wechselt zur nächsten Saison von Waterkant zu Waterkant - zum HSV. Ablösefrei. Für Pieckenhagen keine leichte Aufgabe. Er tritt schließlich die Nachfolge von Kult-Torwart Hans-Jörg Butt an, der sich nach Leverkusen verabschiedet. "Ich freue mich auf Hamburg", sagt Pieckenhagen. Seine künftige Mannschaft, der HSV, lange Zeit stark abstiegsbedroht, hat jetzt nach neun ungeschlagenen Spielen wie Hansa Rostock 39 Punkte auf dem Konto und wird wohl nach diesem Sieg in Liga eins verbleiben, wenngleich Torwart Hans-Jörg Butt meint: "Einen Punkt brauchen wir noch."

Pieckenhagen erfreute sich im Volksparkstadion gestern außergewöhnlicher Beliebtheit. Die Fans des HSV auf der Nordtribüne riefen vor Spielbeginn seinen Namen, die rund 5000 Anhänger der Gäste während des Spiels auch. Allzu schwere Bewährungsproben brauchte der Hansa-Torwart in der ersten Halbzeit gar nicht zu überstehen. Der HSV schoss zwar andauernd in seine Richtung, aber auch regelmäßig rechts und links vorbei. So konnte Pieckenhagen ganz beruhigt mit ansehen, wie vor allem Rostocks Stürmer Victor Agali die geradezu chaotische HSV-Abwehr immer wieder aushebelte. Rostocks Konteraktionen, stets brandgefährlich, gewannen ihre Sicherheit auch dadurch, dass Salou schon nach knapp zwei Minuten für die Gästeführung gesorgt hatte. Dass eine Viertelstunde vor Schluss Agali, schon zuvor verwarnt, wegen einer Beleidigung des Schiedsrichterassistenten mit der Gelb-Roten Karte vom Platz musste, stärkte seiner Elf indes nicht gerade den Rücken.

Hansa hatte in der ersten Hälfte etwas über die Kräfte gelebt. Der HSV legte nach dem Wechsel zu, schaffte durch einen prächtigen Schuss von Marek Heinz von der Strafraumgrenze kurz nach dem Wechsel den Ausgleich. Abwehrchance für Pieckenhagen? Gleich null. Doch der Hansa-Torwart wirkte bei mancher Flanke ziemlich fahrig. Eine ganz begreifliche Aufgeregtheit vor dem Wechsel? "Nein", sagte Friedhelm Funkel. "Der Martin - der ist so stark, der hat gar keine Veranlassung, nervös zu sein." "Da hat der Friedhelm Recht", fügte Funkels Kollege, Frank Pagelsdorf vom HSV, ungefragt hinzu. Vor dem Eckball, der zum 2:1-Siegtor des HSV führte, unterlief Pieckenhagen wieder so eine Flanke, von Niko Kovac geschlagen. Den folgenden Eckstoß wuchtete Bester im Gewühl ins Netz zum 2:1. Zwei Minuten waren da schon über die normale Zeit gespielt. Die Wirkung solch später Treffer zeigte sich hinter geschlossener Tür erst richtig. "Meine Spieler hocken todtraurig in der Kabine", meinte Funkel.

Während der HSV den Rostockern nun also mit Pieckenhagen einen Leistungsträger wegschnappt, holt sich Hansa mit Torwart Mathias Schober und Ronald Maul zwei Spieler von der HSV-Ersatzbank. So sind die Verhältnisse im Fußball-Norden - finanziell. In der Tabelle dagegen proben beide Mannschaften im tieferen Bereich punktgleich den Schulterschluss.

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