Hamburger Erfolgsserie : Nicht reden – siegen

Der Hamburger SV ist nach dem 1:0 gegen Gladbach in der Bundesliga auf dem Weg nach oben, will aber noch nicht an Europa denken.

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Gemischte Tanzgruppe. Die Mannschaft des HSV bejubelt den 1:0-Sieg über Mönchengladbach. Rafael van der Vaart (Mitte) hatte das Tor des Tages erzielt.
Gemischte Tanzgruppe. Die Mannschaft des HSV bejubelt den 1:0-Sieg über Mönchengladbach. Rafael van der Vaart (Mitte) hatte das...Foto: dpa

Können 50 000 Augenzeugen lügen? Selbstverständlich, entgegnete Frank Arnesen, auch wenn er das ein wenig anders ausdrückte, denn wer legt sich schon gern mit den eigenen Fans an? Der Manager des Hamburger SV sprach also den unscheinbar anmutenden Satz: „Hier wird nicht über Europa geredet“, was in auffälligem Gegensatz stand zu den Gesängen, die sie in den Ecken, auf den Geraden und auch auf der Tribüne des Stadions im Volkspark angestimmt hatten. „Europapokal! Europapokal!“, sang das selige Volk, berauscht von einem weniger berauschenden Spiel, das dem HSV am Samstag einen 1:0-Sieg über Borussia Mönchengladbach beschert hatte und damit den Sprung auf den sechsten Tabellenplatz.

Das würde nach 34 Spieltagen für die Europa League reichen, und die Qualifikation für die Champions League ist so weit auch nicht entfernt. So viel zum statistischen Teil dieses frostigen Nachmittags. Was die ästhetische Komponente betrifft, kam Frank Arnesen mit seiner Bescheidenheit der Wahrheit mindestens genauso nahe wie sein kickendes Personal dem internationalen Geschäft auf dem Tableau. Der HSV schoss ein frühes und schönes Tor und reduzierte sein Angebot fortan auf eine Leistung, die das Publikum im Falle eines ausbleibenden Sieges schwer verärgert hätte. „Wenn ich Hamburger wäre, würde ich heute Abend in die Kirche gehen und ein Licht anzünden“, sagte Arnesens Gladbacher Kollege Max Eberl. „Die können sehr froh sein, dass sie dieses Spiel gewonnen haben. Denn die deutlich bessere Mannschaft waren wir.“

Das ist schön formuliert, und wer in moralischen Kategorien denkt, darf für das Gladbacher Bemühen gerade 40 Stunden nach dem kräftezehrenden 3:3 in der Europa League gegen Lazio Rom gern eine Eins mit Sternchen vergeben. Doch Fußball ist ein Ergebnissport, über dessen Wertung Tore und nicht Kopfnoten entscheiden. Gladbach geriet 90 Minuten lang nie entscheidend in den Verdacht, ein Tor zu erzielen. Es fehlt ein Mann wie im vergangenen Jahr Marco Reus, der den berühmten Unterschied machen kann.

Die Hamburger haben so einen Mann. Die Hamburger haben Rafael van der Vaart.

Die Rekrutierung des Niederländers hat den HSV mehr Geld gekostet, als er sich eigentlich leisten kann. Dieses Risiko-Investment war van der Vaarts Performance am Samstag über weite Strecken nicht wert. Er trabte ohne Bindung zum Spiel umher, vielleicht Folge einer noch nicht allzu lange auskurierten Verletzung, vielleicht aber auch Zeugnis eines schon überschrittenen Zenits. Den Hamburger Aufschwung der vergangenen Wochen hat er mehr begleitet denn gestaltet. Aber van der Vaart kann Dinge, die andere bei allem Einsatz nie können werden. Wie er den Ball nach einem selten dämlichen Fehlpass des Gladbachers Granit Xhaka mit dem linken Fuß ansatzlos und unerreichbar für den Nationaltorhüter Marc-André ter Stegen zum Tor des Tages in den Winkel schlug – das war ein Moment der Extraklasse eines sonst durchschnittlichen Fußballspiels.

„Da braucht man schon ein bisschen Talent“, sagte van der Vaart gar nicht unbescheiden und verschwieg, dass er dieses Talent beim Torschuss zuletzt vor fünf Monaten gezeigt hat, übrigens auch gegen Mönchengladbach. Egal. Am Ende sind es solche Momente, die über das Gelingen nicht nur einzelner Spiele entscheiden. Und es sind gerade solche Erfolge nach eher bescheidener Vorstellung, die Zufriedenheit auf voller Bandbreite ermöglichen. Die Fans freuen sich, weil ihnen der Unterhaltungswert eines Sieges noch immer wichtiger ist als die B-Note für den künstlerischen Wert. Und den sportlich Verantwortlichen liefern Siege wie dieses Hamburger 1:0 über Mönchengladbach genügend Argumente, die Spieler vor dem Abheben zu bewahren. Dem HSV-Trainer Thorsten Fink war es eher unangenehm, wie hoch seine Mannschaft nach dem spektakulären 4:1 vor einer Woche in Dortmund gejubelt wurde. Ein strapazenreiches und dennoch mit drei Punkten garniertes Spiel gegen Gladbach kam da gerade recht.

Und wie ist das nun mit Europa? Anders als sein Vorgesetzter Frank Arnesen besitzt Thorsten Fink nicht die Gabe, provozierende Fragen mit freundlichem dänischen Singsang einfach wegzunuscheln. Tja, hmm, also, äh … „wir wehren uns ja gar nicht dagegen“, sprach also der Hamburger Trainer. „Aber unsere Leistung heute in der zweiten Halbzeit hat gezeigt, dass wir noch nicht so weit sind.“ Macht nichts, ist noch genügend Zeit zur Wertsteigerung. Das nächste Spiel folgt am Samstag beim norddeutschen Nachbarn Hannover 96, er wird übrigens wie die Gladbacher mit dem Handicap einer vorherigen Verpflichtung in der Europa League antreten.

Manchmal ist es ganz schön, wenn über Europa nur geredet wird.

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