Hamburger SV : Die Gegenwart ist auf dem Platz

Die Mannschaft wusste natürlich, dass Slaven Bilic auf der Tribüne saß. Die HSV-Profis ließen sich beim Erfolg über Dortmund aber nicht von der Trainersuche beeinflussen.

Frank Heike
Bilic
Bald auf der HSV-Bank? Slaven Bilic -Foto: ddp

HamburgMit einem abgeknabberten Hühnerspießchen in der Hand federte Thomas Doll die Treppe vom VIP-Raum der Hamburger Arena zum Dortmunder Bus hinunter. Draußen rief eine Frau enthemmt seinen Namen. Doll winkte durchs Fenster. Herzlich ging er auf drei Ordner zu, einen Fan im Rollstuhl umarmte er. Nur Uwe Seeler ist in Hamburg so beliebt wie Thomas Doll. Der frühere HSV-Trainer genoss die menschliche Wärme bei der Rückkehr, nach all den Jahren als Spieler und Trainer besuchte er die Stadt zum ersten Mal als Coach des Gegners. Und doch war Doll für Fans und Medien eher ein Randthema.

Das lag einerseits am 1:0-Sieg des HSV über Dortmund. Das lag aber vor allem daran, dass auf der Tribüne der mögliche neue HSV-Trainer Slaven Bilic saß. Der kroatische Nationaltrainer wurde von Hamburger Reportern gejagt, als er vor der Arena aus dem Taxi stieg. Hellblaues Hemd, dunkelblauer Anzug, schwarzer Seidenschal: Man hatte Zeit, ihn anzuschauen, denn zuhören musste man nicht. Bilic schwieg. Er wolle seine Nationalspieler beobachten, sagte er.

Auch die HSV-Verantwortlichen verstummten. Aber bald müssen sie reden, jedenfalls wenn sie sich selber ernst nehmen. Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende, hatte im Januar gesagt, bis Ostern sei der Nachfolger von Huub Stevens gefunden. Die Mannschaft des HSV wusste natürlich, dass Bilic auf der Tribüne saß, um seine Nationalspieler Ivica Olic, Mladen Petric und Robert Kovac anzuschauen. Doch bislang spielt das Thema „neuer Trainer“ intern nur eine kleine Rolle. Stevens ist es gelungen, diese Mannschaft ganz auf die Gegenwart einzuschwören. Er hat alles im Griff, obwohl er nur noch zehn Wochen das Sagen hat.

Es war ziemlich beeindruckend, wie der HSV nach den jüngsten Frusterlebnissen gegen Dortmund gewann. Als hätte es das 0:0 in Nürnberg und das wertlose 3:2 gegen Leverkusen nicht gegeben, wollten die Hamburger eine schnelle Entscheidung erzwingen. Der HSV erspielte sich in der ersten Hälfte sechs Chancen, die Borussia hielt aber gut mit. Als Dortmund in der zweiten Halbzeit zu zwei sehr guten Möglichkeiten kam und der HSV sichtlich müde wurde, wechselte Stevens Kompany und Olic ein und stellte die Mannschaft um. Das war an diesem Nachmittag der entscheidende Schritt. Sein Team hatte sofort verstanden, was der Trainer wollte: mehr über außen spielen.

Als wäre es immer so leicht, fiel das Tor des Tages über links: Boateng spielte Olic an, der bediente Guerrero, und der seit Wochen gute Stürmer traf formvollendet zum 1:0 (63.). Aber beim HSV wissen sie, wo in der Tabelle ihre Grenzen liegen. Torwart Rost sagte: „Wenn wir diese Leistung konservieren, dann schaffen wir das.“ Er meinte nicht den Titelgewinn, er meinte einen Platz in der Champions League.

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