Hamburger SV : Favorit jetzt – bis auf Weiteres

Mit seinem Erfolg gegen den Deutschen Meister VfL Wolfsburg beeindruckt der Hamburger SV die Konkurrenz in der Bundesliga.

Stefan Hermanns[Wolfsburg]
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Ehre, wem Ehre gebührt. Trainer Bruno Labbadia gratuliert Romeo Castelen zu dessen Tor zum 4:2. Foto: ddpddp

Die Nachspielzeit war bereits angebrochen, aber selbst jetzt war ihm kein Weg zu weit. Bruno Labbadia, der Trainer des Hamburger SV, verließ seine Coachingzone und ging die Werbebande entlang, bis er sein Ziel erreicht hatte. Labbadia klatschte Romeo Castelen ab, den Torschützen zum 4:2-Endstand für den HSV beim Meister Wolfsburg. Ehre, wem Ehre gebührt. Castelens Kollegen waren schon zuvor tief in die Wolfsburger Hälfte gestürmt, um den Holländer mit ihrer körperlichen Zuneigung buchstäblich zu erdrücken. Castelen aber, gerade 65 Kilogramm schwer, spürte die Last der Leiber gar nicht. „Das war super von den Jungs“, berichtete er nach seinem ersten Tor in der Bundesliga. Keine Spur von Atemnot oder Platzangst. „Das war ein ganz emotionaler Moment.“ Seit zwei Jahren wird Castelen als Angestellter des HSV geführt, anderthalb davon hat er wegen zweier Knieoperationen im Krankenstand verbracht.

Die eher plumpe, dafür umso emotionalere Jubelchoreografie der Hamburger war Schluss- und Höhepunkt einer beeindruckenden Mannschaftsleistung. Der HSV hatte den Meister gemeistert – und das, obwohl die Wolfsburger aus dem 0:2 zur Pause mit unglaublicher Wucht innerhalb von zehn Minuten ein 2:2 gemacht hatten. Aber der HSV trotzte auch dieser Schwierigkeit. „Sie wollten unbedingt den Sieg“, sagte Zvjezdan Misimovic, der Spielmacher des VfL, der sich nach 20 Heimspielen ohne Niederlage erstmals wieder geschlagen geben musste.

Es war nicht nur ein Sieg der Willenskraft, es war vor allem ein Erfolg der spielerischen Klasse. „Das ist eine richtig gute Mannschaft“, sagte Wolfsburgs Trainer Armin Veh. So mutig wie der HSV ist lange niemand mehr in Wolfsburg aufgetreten. Die Hamburger kombinierten von der ersten Minute an. Sie spielten flach, scharf und direkt, attackierten früh und ließen zumindest in der ersten Hälfte keinen Zweifel an ihrer Dominanz aufkommen. „Wir wissen, was wir können“, sagte Torhüter Frank Rost. „Wir haben Vertrauen.“

Dieses Vertrauen besitzt eine stabile Basis: Es gründet auf der spielerischen Klasse des Kaders, die bei der Nummer elf lange noch nicht aufhört. „Guck dir mal Ze an“, sagte Verteidiger Joris Mathijsen über den Brasilianer Ze Roberto. „Unglaublich, dass Bayern ihn laufen lässt.“ Der Mittelfeldspieler war es, der nach dem 2:2 die Hamburger Gegenreaktion einleitete. Mit drei Chancen in nur zwei Minuten, darunter einem Lattentreffer, signalisierte der 35-Jährige seinen Kollegen, dass sie keine Angst haben müssen. „Wir sind auch mental stark“, sagte Mathijsen. „Das haben wir heute gezeigt.“

Vielleicht ist das der Unterschied zur vergangenen Saison, als der HSV am Ende fast alles verspielte. „Ich will nicht mehr über die vergangene Saison reden“, sagte Mathijsen in einer Schärfe, die weiteren Nachfragen vorbeugte. Offiziell wird die vergangene Saison mit zwei Halbfinalteilnahmen und der Qualifikation für den Europacup als Erfolg geführt; inoffiziell leiden die Hamburger immer noch unter dem Trauma der späten Misserfolge.

Die Erfahrungen der vorigen Saison gebieten eigentlich eine gewisse Vorsicht, aber angesichts der anhaltenden Schwäche der Bayern giert das Volk nach neuen Titelanwärtern. Jedes Wochenende wird ein neuer Favorit durchs Dorf gejagt. „Ich glaube, dass die Meisterschaft über den HSV läuft“, sagte Armin Veh nach der Niederlage. Bruno Labbadia geht das alles viel zu schnell, trotzdem hat er Verständnis für das Urteil seines Wolfsburger Kollegen. „Das würde ich an seiner Stelle auch machen: schön den Druck weitergeben.“ Diesen Druck wird der HSV jetzt erst einmal aushalten müssen.

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