Hamburger SV : Jeder verliert für sich allein

Der Hamburger SV ist zwar auf den Tabellenplatz 18 zurückgefallen und zeigt immer mehr Auflösungserscheinungen, doch die Verpflichtung von Thomas Tuchel als Trainer für die kommende Saison scheint wichtiger als der Klassenerhalt zu sein.

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"Wir haben den Fans gesagt, dass wir alles tun werden, um diesen geilen Verein zu retten“, sagte Lewis Holtby
"Wir haben den Fans gesagt, dass wir alles tun werden, um diesen geilen Verein zu retten“, sagte Lewis HoltbyFoto: dpa

Keiner der entrüsteten Fans auf dem Zaun über der hohen, blauen Bande der Nordtribüne dürfte sich in diesem Moment für irgendwelche Finanz-Transaktionen im Hintergrund interessiert haben, die dem Hamburger SV den Glauben an die Verpflichtung von Thomas Tuchel selbst beim Abstieg aus der Bundesliga lassen. Erst lief Valon Behrami auf Geheiß Trainer Peter Knäbels zum Zaun, dann folgten Lewis Holtby, Heiko Westermann und Torwart René Adler. „Sie sollten zu den Fans gehen, sich jedoch nicht in Diskussionen verwickeln lassen“, sagte Peter Knäbel später. Aber ein bisschen Entgegenkommen als Geste des Dankes für große Unterstützung trotz eines erniedrigenden Spiels reichte an diesem Samstagabend nicht. Es gab Gesprächsbedarf, und dass mancher Fans den Profis ungehemmt entgegenbrüllte, was er von der Leistung beim 0:2 gegen den VfL Wolfsburg hielt, war nur zu verständlich. An der Stimmung hatte es nicht gelegen, dass der HSV zum achten Mal in Folge ohne Sieg blieb.

Es goss in Strömen, ein paar leere Becher flogen, zusammengeknüllte Stadionhefte folgten, und wann immer ein Spieler Richtung Kabine schlich, gellten Pfiffe. Weltuntergangsstimmung im Volkspark. Nur Maximilian Beister bekam Beifall, als er sein Gespräch mit den Anhängern beendete. Der lange verletzte Lüneburger stammt aus dem Nachwuchs. Er könnte eines der Gesichter des neuen HSV in der Zweiten Liga werden.

Keiner den Neuen beim Hamburger SV hat die Erwartungen erfüllt

Auf andere wie den zunächst hochwillkommenen und hochbezahlten Lewis Holtby könnte man getrost verzichten. „Wir haben den Fans gesagt, dass wir alles tun werden, um diesen geilen Verein zu retten“, behauptete Holtby. Doch wer einen wie ihn als Retter wählt, sollte am besten immer zwei Rettungsringe am Mann haben: Holtby ist als ewiger Kringeldreher und Spielverlangsamer eine der größten Enttäuschungen dieser bald endenden Saison. Holtby, Behrami, Müller, Ostrzolek, aber auch Diaz, Cleber und Olic: Keiner der Neuen hat annähernd das gebracht, was Trainer-Sportchef Knäbel und Vorstandsvorsitzender Dietmar Beiersdorfer von ihnen erwartet hatten.

Dass sie in den von drei Trainern anders interpretierten Spielsystemen des HSV nie zur nötigen Sicherheit finden konnten, verdeutlicht, dass die Hauptschuld die Verantwortlichen tragen. Auch unter Beiersdorfer bleibt Stetigkeit ein Fremdwort beim HSV. Spätestens der unverständliche Wechsel von Zinnbauer auf den Trainer-Neuling Knäbel scheint den Weg des Bundesliga-Gründungsmitglieds in die Zweitklassigkeit geebnet zu haben.

HSV 2015: Jeder spielt für sich, keiner will sich blamieren

Nicht einmal die Spieler glauben noch an die große Wende. Am Samstag gab es neben groben Fehlern wie von Cleber vor dem 0:1 und unentschuldbaren Schludrigkeiten wie von Johan Djourou bei seinem Platzverweis deutliche Auflösungserscheinungen. Dazu passt auch die Nachricht der „Sportbild“, dass Djourou und Behrami in der Pause aneinander geraten sind. Beim HSV spielt jeder für sich, keiner will etwas riskieren, um sich bloß nicht zu blamieren. Da machte Heiko Westermann keine Ausnahme, aber immerhin ist der Verteidiger einer, der sich hinterher stellt. Er sagte: „Wir haben kein Selbstvertrauen. Überhaupt keines. Ich verstehe die zweite Hälfte nicht. Da haben wir uns hängen lassen. Wir waren leblos. Kein Mut, keine Aggression, keine Wut. So gewinnen wir kein Spiel mehr.“ Fünf Torschüsse wies die Statistik aus. In Erinnerung blieb aber keine einzige Chance.

Der Blamage vom Samstag soll keine nächste Rochade folgen. Der konturlose Platzhalter Knäbel macht weiter bis zum vermeintlich bitteren Ende. Was dann passiert, beschrieb er in gewohnt nüchternen Worten, die in ihrer Neutralität aber schon sehr resigniert klangen: „Der HSV wird bald einen Trainer präsentieren, mit dem er in die neue Saison geht.“ Beiersdorfer schloss am Sonntag ebenfalls einen dritten Trainerwechsel aus. „Wir müssen jetzt zusammenrücken“, sagte er mit Blick auf das Nordderby in Bremen. Doch im Hintergrund wird längst an den Plänen für die Zweite Liga gearbeitet. Mit Beiersdorfer und Knäbel – sowie Thomas Tuchel auf der Bank.

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