Sport : Hamburger SV - Mönchengladbach: Vereins- statt Weltpolitik

Karsten Doneck

Mit einer Minute des Gedenkens begann das Spiel. Und in der fast ausverkauften Hamburger AOL-Arena herrschte eine Ruhe wie sonst nur tief in der Nacht auf freiem Feld. Bis ein paar Gästefans die Stille nicht mehr aushielten und anfingen zu grölen. Das Andenken an die Opfer der Attentate in den USA war damit nachhaltig gestört, der Übergang zum Fußball eingeleitet.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Statt Weltpolitik wieder Vereinspolitik: Beim 3:3 zwischen dem Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach ging es um mehr als drei Punkte. Dafür hatte Werner Hackmann schon vorher gesorgt. Sechs Punkte hatte der HSV-Präsident öffentlich aus den beiden Heimspielen gegen Gladbach und gegen Werder Bremen gefordert. Sonst? Die Drohung dahinter war klar. Das gab auch HSV-Kapitän Nico-Jan Hoogma zu: "Jeder hat die Worte der Verantwortlichen gehört, jeder kann sich ausrechnen, was passiert." Das heißt: Er rechnet wohl nicht mehr damit, dass Trainer Frank Pagelsdorf nächste Woche noch das Training leitet.

Gestern Abend setzte sich der Aufsichtsrat des HSV zusammen. Fünf Punkte aus sechs Spielen - das ist weit an den Ansprüchen des Vereins vorbei, der diese Saison auf einem Platz beenden wollte, der zur Europapokalteilnahme berechtigt. Rückendeckung hat Pagelsdorf kaum noch. "Zum Trainer gibt es von mir keine Erklärungen", sagte Sportdirektor Holger Hieronymus. Ein Satz, durch den der Trainer nun wahrlich nicht gestärkt wird.

Gegen Mönchengladbach führte der HSV durch Collin Benyamin und einen Elfmeter von Jörg Albertz schon nach gut einer Viertelstunde mit 2:0. Und wurde ebenso leichtsinnig wie die Borussia stärker. Markus Münch und Peter van Houdt glichen verdientermaßen aus. Und als alle das 2:2 für das Endergebnis hielten, passierte Ungewöhnliches: Erst schaffte Albertz 60 Sekunden vor Schluss das 3:2 für den HSV. Und dann war auch das noch nicht der Endstand, weil die Borussia postwendend durch einen herrlichen Fallrückzieher von Marcin Mieciel von der Strafraumgrenze ausglich. "Ein sensationelles Tor", meinte Gladbachs Trainer Hans Meyer. "So viel Drama in nur einem Spiel, in nur einer Minute, das gibt es normalerweise nicht", sagte Hoogma.

Und Frank Pagelsdorf? Rechnet er schon selbst damit, abgelöst zu werden? "Überhaupt nicht", sagte Pagelsdorf - und der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn, sodass ihm einer der Umstehenden eine Serviette reichte. Woraus er seinen Optimismus bezieht? "Jeder hat doch gesehen, wie sich die Mannschaft hier präsentiert hat", sagte Pagelsdorf. Und da machte auch Präsident Hackmann einen ebenso eleganten Rückzieher wie Mieciel beim 3:3: "Ich habe nie ein Ultimatum gestellt." Und fuhr fort: "Wir haben uns nach dem Spiel beraten mit dem Vorstand und festgestellt, dass es die Trainerfrage bei uns nicht gibt. Und zwar die ganze Woche über nicht." Dies muss aber nicht das letzte Wort gewesen sein.

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