• Hammer und Zirkel am Gesundbrunnen : Warum ein Fußballderby zum politischen Sündenfall wurde

Hammer und Zirkel am Gesundbrunnen : Warum ein Fußballderby zum politischen Sündenfall wurde

Das Olympiastadion ist ausverkauft, Berlin freut sich auf das Zweitliga-Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union am Sonnabend. Die Partie ist allein sportlich spannend, doch das war in den Zeiten des Kalten Krieges auch mal anders.

Jutta Braun,René Wiese
Verbotene Trikotwerbung. Der ASK Vorwärts trat 1960 mit dem Symbol der neuen DDR-Staatsflagge in West-Berlin gegen Hertha an – und sorgte damit im Bundeskabinett für Ärger.
Verbotene Trikotwerbung. Der ASK Vorwärts trat 1960 mit dem Symbol der neuen DDR-Staatsflagge in West-Berlin gegen Hertha an – und...Foto: Bundesarchiv Koblenz

Nicht alle Fotografen, die im Juni 1960 beim Freundschaftsspiel des Ost-Berliner Armeesportklub (ASK) Vorwärts auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen auf der Lauer lagen, fieberten der sportlichen Begegnung entgegen. Einige aufmerksame Herren mit gezückter Kamera hatten etwas anderes im Visier: die Brust der Ost-Berliner Gäste. Es galt, einen politischen Sündenfall zu dokumentieren: Das Zeigen von Hammer und Zirkel in West-Berlin.

Wieder einmal hatte Hertha BSC das Ost-Berliner Spitzenteam zum Freundschaftsspiel geladen. Zwar war bereits vorher klar, dass die von der DDR hochprivilegierte Armee-Elf gegenüber den sportlich vom Bundesgebiet isolierten Herthanern deutlich überlegen sein würde – zu viele Niederlagen hatte Hertha in der Vergangenheit im direkten Vergleich schon kassiert. Doch kam diesen Ost-West-Begegnungen stets der besondere Reiz einer heimlichen Gesamtberliner Meisterschaft zu. Die Fußballanhänger scharten sich um die Kassenhäuschen am Gesundbrunnen, was für Hertha regelmäßig einen willkommenen Geldsegen bedeutete.

Doch lag im Juni 1960 eine besondere Spannung in der Luft: Im Oktober 1959 hatte die DDR eine neue Staatsflagge mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz eingeführt. Die Bundesregierung untersagte offiziell, die „Spalterfahne“ öffentlich zu zeigen. Prompt konterte die DDR-Sportführung mit dem Emblem-Erlass: Jede ostdeutsche Mannschaft wurde dazu verdonnert, mit dem umstrittenen Symbol auf dem Trikot bei Wettkämpfen im Ausland, vor allem natürlich in der Bundesrepublik und in West-Berlin, aufzulaufen.

Der politische Eklat war vorprogrammiert. Kurz vor dem Anpfiff appellierte Hertha-Vorsitzender Hans Höhne in einem letzten verzweifelten Versuch an die Gäste, auf das Tragen des DDR-Emblems zu verzichten – vergeblich. Stolz liefen die Ost-Berliner mit den weithin sichtbaren Insignien auf ihren gelben Jerseys auf – und das mitten in der Frontstadt des Westens, dem „Leuchtturm der Freiheit“. Die Ost-Berliner hatten damit, lange bevor sie auch sportlich das Spiel mit 5:0 für sich entschieden, bereits einen eindeutigen politischen Sieg errungen.

Hoch schlugen anschließend die Wellen der Empörung: „Hammer und Zirkel am Gesundbrunnen“ titelte entsetzt der Tagesspiegel. Die Ost-Berliner „Neue Fußballwoche“ jubelte hingegen: „1:0 gegen die Frontstadt!“

Der Zwischenfall sorgte bis ins Bundeskabinett für Furore: Außenminister Heinrich von Brentano beschwerte sich bei Innenminister Gerhard Schröder über das fehlende Durchgreifen der Westberliner Polizei. Das Foto des politischen Fauxpas wanderte anschließend in ministeriellen Kreisen von Hand zu Hand – aus einem Schnappschuss wurde ein politisches Beweisfoto.

Die Autoren forschen am Zentrum Deutsche Sportgeschichte. Der Text ist Teil der Ausstellung „Ästhetik und Politik – Deutsche Sportfotografie im Kalten Krieg“, die ab dem 16. Februar in der Gedenkstätte am Moritzplatz in Magdeburg gastiert.

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