Sport : Hammerwerfen: "Dann habe ich nur noch gebetet"

Im Wurfring zeigte Kerstin Münchow Stärke, danach wurde sie schwach. Als ihr Gewinn der Bronzemedaille bei der olympischen Premiere im Hammerwerfen mit dem deutschen Rekord von 69,28 m feststand, verlor sie die Fassung und weinte hemmungslos. Das Fernseh-Interview musste neu begonnen werden, und auch später in der Mixed-Zone standen ihr nach der nervlichen Anspannung und den Erinnerungen noch die Tränen in den Augen. Erst langsam fand die Frankfurterin, die mit acht Jahren ihrem damaligen Verein Porta Westfalica mit dem ersten Hammerwurf ihres Lebens gleich den Mannschaftsmeistertitel gesichert hatte, ihre Fassung wieder. "Es waren sehr emotionale Momente. Astrid Kumbernuss stand auf dem Treppchen, und da dachte ich: Vielleicht stehst du auch nachher da", sagte Münchow, die Zentimeter von einer Medaille entfernt im fünften Versuch nach dem Motto "alles oder nichts" warf. "Ich habe mir gedacht: Das ist er, und dann habe ich nur noch gebetet", meinte Münchow. "Es ist supertoll, dass ich eine Medaille geholt habe. Ich habe immer nur gehofft, dass keiner mehr weiter wirft", sagte die 23-Jährige aufgewühlt.

Hinter der erst 17 Jahre alten Polin Kamila Skolimowski und Vizeweltmeisterin Olga Kusenkowa (Russland) belegte sie den dritten Platz und wiederholte damit ihre Platzierung bei den Europameisterschaften vor zwei Jahren in Budapest. Sie dachte in diesem denkwürdigen Augenblick an ihren ersten Trainer Heinz Culemann, der vor vier Jahren an einem Herzinfarkt gestorben ist und am Freitag Geburtstag gehabt hätte. "Ihm verdanke ich sehr viel. Ich habe erreicht, was wir uns früher erhofft haben", erinnerte sie sich.

Als Rasenkraftsportlerin hatte sie mit acht Jahren begonnen, weil eine leichte Hammerwerferin gebraucht wurde. "Ich habe Gefallen gefunden und bin dabei geblieben", erzählte Kerstin Münchow. Sie ist mit 73 Kilo Körpergewicht noch immer ein Leichtgewicht und startet für Eintracht Frankfurt, wo sie bei Frauen-Bundestrainer Michael Deyhle trainiert wird. Lange Zeit war ihre Mutter Karin der Coach.

Im Wettkampf war sie in jedem Durchgang voll konzentriert. "Jetzt oder nie, du musst stark bleiben", forderte die Schau- und Werbegestalterin von sich, als sie zwischenzeitlich aus den Medaillenrängen rausgefallen war. Nach ihrem Rekordwurf im fünften Versuch ging ihr durch den Kopf: "Jetzt hast du es geschafft." Danach begann das Zittern.

Die junge Polin hatte Kerstin Münchow mit auf der Rechnung im Kampf um die Medaillen. "Überrascht hat mich, dass Olga Kusenkowa nicht 72 bis 73 m geworfen hat." Schon in der Qualikation seien alle durch das Doping-Vergehen der rumänischen Weltmeisterin Mihaela Melinte geschockt gewesen. "Das war schon ein komisches Gefühl, als sie kam und an der Qualifikation teilnehmen wollte und dann weggeführt wurde. Das bringt Unruhe", meinte die Olympiadritte, die dennoch den besten Wettkampf ihres Lebens ablieferte. Noch in der Nacht zum Freitag war der letzte Versuch des Nationalen Olympischen Komitees für Rumänien gescheitert, Weltrekordlerin Melinte trotz eines positiven Dopingbefundes vom 7. Juli in Mailand (Nandrolon) doch noch einen Start im Finale zu ermöglichen. Der Internationale Sportgerichtshof hatte das Ersuchen abgelehnt.

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