Hammerwerfen der Frauen : Stark und stärker

Betty Heidler gelingt im Hammerwurf ein neuer deutscher Rekord. Sie holt Silber, weil eine noch besser ist – die Polin Anita Wlodarczyk wirft Weltrekord

Frank Bachner
Leichtathletik-WM - Hammerwurf Frauen Finale Foto: dpa
Deutscher Rekord unterliegt Weltrekord: Betty Heidler.Foto: dpa

Rhythmisches Klatschen begleitete Betty Heidler, als sie ihre Eisenkugel hinter sich herzog wie ein Rentner seinen widerspenstigen Dackel. Es war der letzte Wurf dieses Abends, es war der Abschluss des Hammerwurf-Finales. Und Betty Heidler aus Frankfurt am Main trat glückselig strahlend als Silbermedaillengewinnerin in den Ring. Dieses Silber konnte ihr, der Titelverteidigerin, keiner mehr nehmen. 76,44 Meter hatte sie im fünften Versuch erzielt, Saisonbestleistung. Nur an Anita Wlodarczyk würde sie nicht herankommen, das war klar. Die Polin hatte im zweiten Versuch Weltrekord geworfen. Mit 77,96 Metern lag sie uneinholbar in Führung.

Die in Berlin-Marzahn aufgewachsene Betty Heidler rotierte noch mal, vier Drehungen, dann flog der Hammer aus dem Ring, durchs Olympiastadion, er flog und flog, und knapp 60 000 Zuschauer jubelten begeistert. Erst nach 77,12 Metern bohrte sich die Kugel in den Rasen. Betty Heidler machte einen Freudensprung, ihre Jubelschreie gingen im Applaus der Menge unter. 77,12 Meter, das war neuer deutscher Rekord. „Das war der beste Wettkampf meines Lebens“, sagte Heidler. „Für mich war das noch größer als der WM–Titel in Osaka. Es war schöner als Gold.“ Und es war der würdige, effektvolle Schlusspunkt eines spektakulären Finals. Kathrin Klaas, Heidlers Vereinskollegin von der LG Frankfurt, wurde mit neuer persönlicher Bestleistung von 74,23 Metern Vierte.

Heidler setzte gleich im ersten Versuch eine Marke. Hochkonzentriert, mit unbewegter Miene, ging sie in den Ring. 75,10 Meter weit flog der Hammer. Damit ging sie in Führung. 75,10 Meter, das war keine Weite, mit der man gewinnt, aber durchaus eine Weite, die ihre Gegnerinnen beeindruckte. Und vermutlich um dieses Gefühl noch verstärken, ging sie mit Pokerface auch wieder aus dem Ring. Die Weltrekordhalterin Tatyana Lysenko aus Russland jedenfalls warf in ihrem ersten Versuch lediglich 72,22 Meter.

Sie war zu diesem Zeitpunkt noch genau acht Minuten Weltrekordhalterin. Denn dann ging Anita Wlodarczyk in den Ring. Die beste Hammerwerferin dieses Jahres schleuderte mit urwüchsiger Kraft den Hammer 77,96 Meter weit. Den Weltrekord von Lysenko verbessert sie damit um16 Zentimeter. Sie freute sich wie ein kleines Kind, hüpfte über die Bahn, direkt zu ihrem Trainer, doch diese Aktion hatte Folgen. Bei einem Schritt knickte sie mit dem rechten Fuß um. Betty Heidler registrierte diesen Weltrekord mit unbewegtem Gesicht. Diese Miene war Pflicht, sie gehörte zur Show. Ihre Gegnerinnen sollten glauben, dass sie noch erheblich weiter werfen kann. „Der Weltrekord-Wurf hat mir nicht viel ausgemacht“, sagte Heidler.

Aber Gold, das jetzt eigentlich schon klar, würde sie nicht mehr gewinnen. Wie denn auch? Ihre Bestweite stand bei 76,55 Metern, der weiteste Wurf in dieser Saison endete bei 75,83 Meter. Es ging jetzt nur noch um die Verteidigung des zweiten Platzes. Zumindest warf sie im zweiten Versuch weiter als im ersten Durchgang: 75,38 Meter, Platz zwei behauptet. Dritter Durchgang, diesmal landete der Hammer der Deutschen bei 75,73 Metern. Auf einmal rückte Kathrin Klaas heran. Mit 74,23 Metern verbesserte sie ihren persönlichen Rekord um fast einen Meter. Nun war sie auf einmal Dritte.

Inzwischen kündigte Wlodarczyk an, dass sie bis zu ihrem sechsten Versuch pausieren wolle. Dafür ging Heidler in den Ring. Gewinnen konnte sie damit im vierten Durchgang nichts. Der Hammer flog 73,45 Meter weit, ihren Vorsprung auf ihre Vereinskollegin Klaas konnte sie nicht ausbauen. Allerdings konnte Klaas den Abstand auch nicht verringern. Sie kam nur auf 66,28 Meter.

Und sie verlor im fünften Durchgang ihren Bronze-Platz. Die Slowakin Martina Hrasnova übertraf die 25-Jährige aus Frankfurt mit 74,79 Metern. Aber dann Betty Heidler. Ein mächtiger Wurf. Die Zuschauer schrieen und jubelten, als sie den Hammer durch die Luft fliegen sahen. Er würde weit gegen? Aber wie weit? Genau 76,44 Meter. Das war neue Saisonbestleistung. Heidler riss ihre Arme in die Höhe. Kathrin Klaas gelang es nicht mehr, auf Platz drei vorzurücken. Ihr letzter Versuch war ungültig. Und jetzt konnte nur noch die Slowakin Betty Heidler von Platz zwei verdrängen. Doch Hrasnova kam nicht über 65,65 Meter hinaus.

Wlodarczyk warf zwar symbolisch noch einmal, der Hammer landete irgendwo, die Polin machte den Versuch ungültig. Sie wollte sich mit dem Wurf würdevoll von diesem Publikum verabschieden. Und dann kniete sie neben die Anzeigentafel, auf der 77,96 aufleuchtete, vor den Fotografen. Einem Teil der Fotografen. Der andere Teil konzentrierte sich auf die Frau mit den roten Haaren, die lachend mit der Deutschland-Fahne über die Bahn lief. Irgendwann bremste Betty Heidler ab, schnappte sich das Stadionmikrofon, und aus den Boxen dröhnte ein Satz: „Das war der Haaaaammer.“

Am Ende brüllt sie

ins Stadionmikrofon:

„Das war der Haaaaammer“

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