Sport : Handball-Bundesliga: Handball in der Provinz: Frisch Auf ist ein Markenartikel

Jürgen Roos

Es war heiß in Göppingen in den vergangenen Tagen. So heiß, dass die Blumen im Lädchen namens "Flower Power" fast die Köpfe hängen ließen. Die Verkäuferin dagegen ist frisch auf und gut gelaunt. "Frisch Auf? Na klar kenne ich Frisch Auf", sagt sie, "die Atmosphäre, die Euphorie - absolut gut." Und der Maler, der in der Fußgängerzone in vier Tagen 20 Lichtmasten gestrichen hat, ist ebenfalls im Bild. "Ja, ja", sagt er, "die Kollegen schwätzen viel darüber." Schwäbische Untertreibung, heißt übersetzt: Die Gegend um Göppingen fiebert dem nächsten Wochenende entgegen, dann startet die Handball-Bundesliga, und der Traditionsklub Frisch Auf Göppingen wirft nach zwölfjähriger Abwesenheit endlich wieder erstklassig Bälle.

Wie hatten sie gelitten in diesen zwölf Jahren. Die größte Schande war, dass die Göppinger selbst den Abstieg aus der Zweiten Liga nur durch eine Spielgemeinschaft mit dem verhassten Lokalrivalen Scharnhausen verhindern konnten. Schwarze Jahre für einen Klub, der elfmal Deutscher Meister und zweimal Europapokalsieger war. Kein Wunder, dass der Handball-Tempel Hohenstaufenhalle im April beinahe explodiert wäre, als Frisch Auf den Aufstieg klarmachte. "Ein schlafender Riese ist aufgewacht", titelte die Lokalzeitung.

Gabriele Hübner leitet die Geschäftsstelle von Frisch Auf Göppingen, die erst kürzlich mitten in der Fußgängerzone eröffnet wurde. Die Glastür steht offen, über einem Geländer hängt ein Transparent, auf dem "Frisch Auf!" steht - das Vereinslogo mit Ausrufezeichen. "40 bis 50 Leute" zählt sie pro Tag. Leute, die sich für Karten interessieren oder einfach etwas über den Klub wissen möchten. "Es ist hier vor allem bei jungen Leuten einfach angesagt, in die Hohenstaufenhalle zu gehen", sagt Gabriele Hübner, "wegen des Rahmenprogramms natürlich, aber auch, weil man sich nach dem Spiel dort die Zeit vertreiben kann."

56 000 Einwohner hat Göppingen, knapp 50 km liegt es von Stuttgart entfernt. Neben dem Handballklub gibt es nur eine ernst zu nehmende Disco. Da kann der Run auf die Tickets niemanden verwundern. Die 2300 Sitzplätze sind schon seit Wochen als Saison-Dauerkarten verkauft, dazu kommen noch 200 Stehplatzdauerkarten. Was einer Einnahme von 70 000 Mark pro Heimspiel entspricht. "Wegen der großen Nachfrage mussten wir die Sitzplatzkarten unter den Bewerbern verlosen", sagt Frau Hübner.

20 Prozent des 3,5-Millionen-Mark-Etats machen die Zuschauereinnahmen aus. Weitere knapp 70 Prozent kommen von einem Haupt- und vielen mittleren und kleineren Sponsoren. "Jeder Mensch hier in der Gegend, ob Einzelhändler oder Firmenboss, ist schon mal in seinem Leben mit Handball in Berührung gekommen", sagt Manager Andreas Schweickert, "die Marke Frisch Auf hat ganz tiefe Wurzeln." Zum Erfolgsrezept könnte man auch sagen: Es gibt ja nichts anderes hier. Schweickert formuliert es blumiger: "Wir sind ein positiver Faktor in Göppingen." Schwäbisch solide soll die ganze Sache eingefädelt sein. Ehrlich, klar, einfach, ohne große Show. "In Berlin müsste man es anders machen", sagt der Manager, "in Göppingen kann man es nicht anders machen."

Kann man in Göppingen überhaupt etwas falsch machen? Man kann. Vor und nach dem Abstieg aus der Bundesliga 1989 setzten Schweickerts Vorgänger darauf, dass Frisch Auf als Selbstläufer in kürzester Zeit sowieso wieder erstklassig sei. Die damals angehäuften Schulden zahlt der Verein heute noch ab. Ein Grund, warum das Unternehmen Frisch Auf in naher Zukunft vermutlich Siege, aber keine Gewinne einfahren wird. "Die Leute haben es nicht schlecht gemeint", sagt Andreas Schweickert, "aber die Entwicklung des Sports ist an ihnen vorbeigegangen." Und die Entwicklung von Frisch Auf? "Unser Ziel wäre es schon, in vier, fünf Jahren zu den großen Fünf der Liga zu gehören", sagt der Manager. Ehrlich, klar, einfach.

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