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Handball-Bundestraiiner : Dagur Sigurdsson geht, Christian Prokop kommt

Trainerwechsel im deutschen Handball: Dagur Sigurdsson geht, Nachfolger als Nationaltrainer wird nach Tagesspiegel-Informationen Christian Prokop.

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Da geht er. Dagur Sigurdsson verlässt das deutsche Handball-Nationalteam.
Da geht er. Dagur Sigurdsson verlässt das deutsche Handball-Nationalteam.Foto: dpa/Wolf

Die Nachfragen waren allesamt charmant und höflich formuliert, aber sie hatten noch eine weitere Gemeinsamkeit: ihren latent kritischen Unterton. Island hätte er ja noch verstehen können, sagte etwa ein Besucher bei der Präsentation der Autobiografie von Bundestrainer Dagur Sigurdsson in Berlin, aber Japan? Ist das nicht dieses Handball-Entwicklungsland am anderen Ende der Welt?

Nach einem äußerst wohlwollenden Monolog Dann versuchte sich auch eine junge Frau in der hohen Kunst, dem 43-Jährigen ins Gewissen zu reden. „Warum wollen Sie so eine talentierte Mannschaft wie die deutsche zurücklassen?“, fragte sie. Sigurdsson lächelte freundlich zurück und bedankte sich artig für die netten Worte, eine konkrete Antwort blieb er allerdings schuldig. Man möge doch bitte Verständnis dafür haben, dass er noch keine Entscheidung über seine Zukunft getroffen habe.

Genau 14 Tage später – Sigurdsson präsentierte sein Buch in der Friedrichstraße am Abend der US-Präsidentschaftswahlen – ist dieser Status quo überholt: Wie der Deutsche Handball-Bund (DHB) am Dienstag in einer Mitteilung bestätigte, hat sich der rein statistisch erfolgreichste Bundestrainer der Verbandsgeschichte entschieden. Und angesichts der seit Wochen kursierenden Gerüchte um seine Person fiel die Wahl fast schon erwartungsgemäß aus: Sigurdsson beendet den ursprünglich bis 2020 laufenden Vertrag mit dem DHB vorzeitig und macht von jenem Kündigungsrecht Gebrauch, das sich beide Seiten vor seiner offiziellen Vorstellung im September 2014 in Leipzig hatten zusichern lassen.

„Jetzt wissen alle Bescheid und wir können uns mit aller Energie auf die kommende Weltmeisterschaft konzentrieren“, sagt er. Das Turnier in Frankreich vom 11. bis 29. Januar 2017 wird das vierte und letzte in Sigurdssons bisheriger Funktion sein. Danach wird er aller Voraussicht nach das japanische Nationalteam übernehmen, um es auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten. Eine offizielle Bestätigung seitens des Verbands steht zwar noch aus, entsprechende Verhandlungen sollen aber gerade laufen.

Es sei eine Entscheidung aus persönlichen Gründen, sagt Sigurdsson

„Ich habe das aus persönlichen Gründen so entschieden“, sagt Sigurdsson. Vor ein paar Monaten hat er daheim in Island ein schlichtes Ferienhaus mit drei Kilometern Strand erworben und in Eigenregie wieder hergerichtet. Die Hütte in den Westfjorden, der Heimat seiner Frau Ingibjörg, die nach Jahren der Wanderschaft wieder als Lehrerin arbeiten möchte, soll das neue Zentrum der Familie werden, dort wollen die Sigurdssons mehr Zeit verbringen. Zwei Drittel des Jahres auf Island, ein Drittel im Sinne des mutmaßlich neuen Projekts in Fernost – darauf könnte es für Sigurdsson hinauslaufen. Die Japaner jedenfalls wären dem Vernehmen nach durchaus einverstanden mit diesem Modell, beim DHB hätten sie sich im Fall des Falles garantiert nicht damit abgefunden.

Trotzdem ist die Enttäuschung im Verband groß. „Wir bedauern, dass wir Dagur nicht überzeugen konnten, seinen Weg mit unserer Nationalmannschaft fortzusetzen, aber wir respektieren seine Entscheidung“, sagt DHB-Präsident Andreas Michelmann, „für seine Arbeit, die über die sportlichen Ergebnisse hinausreicht, sind wir ihm sehr dankbar.“

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Und das sollten sie auch: Im Grunde war Sigurdsson für den DHB das, was Jürgen Klinsmann für Fußball-Deutschland und den DFB war: der neue Typ, der alles hinterfragte, revolutionierte und jeden Stein umdrehte, der ihm nicht zusagte. Unter Sigurdsson schaffte die Nationalmannschaft den Sprung zurück in die Weltspitze, als Beleg dafür steht das herausragende Jahr 2016 inklusive EM-Titel und olympischer Bronzemedaille. Als einer von drei Bundestrainern neben den Legenden Vlado Stenzel und Heiner Brand, die große Titel mit dem DHB gewannen, „ist ihm ein Platz in den deutschen Handballgeschichtsbüchern sicher“, sagt der frühere Nationalspieler und TV-Experte Stefan Kretzschmar.

An der perspektivisch ausgegebenen Vorgabe des Verbands soll sich durch den Abgang des Isländers aber nichts ändern. „Unser großes Ziel ist und bleibt Olympia-Gold 2020“, sagt DHB-Vizepräsident Bob Hanning, „das war vor Dagur Sigurdsson so, und das wird auch nach seiner Zeit so sein.“

Bleibt nur die Frage, welcher Coach die Nationalmannschaft auf diesem Weg wird begleiten dürfen. Nach Tagesspiegel-Informationen haben sie sich in der Führungsspitze des DHB bereits auf Christian Prokop als Nachfolger festgelegt. Er ist 37 Jahre jung, geboren in Köthen und aktuell Trainer des Bundesliga-Überraschungsteams DHfK Leipzig, aber eben auch mit einem Vertrag bis 2021 ausgestattet. Andererseits hat der DHB auch nicht die ganz große Eile: Die nächsten Pflichtspiele nach der WM in Frankreich finden erst im Mai 2017 statt. „Wir werden mit Ruhe und Bedacht entscheiden“, sagt DHB-Vize Hanning.

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