Handball : Das Kieler Imperium wankt

Nach sechs Meisterschaften hintereinander werden die Handballer des THW Kiel in diesem Jahr wohl vom HSV Hamburg abgelöst. Doch die Hamburger bleiben zurückhaltend.

Erik Eggers
Ende eines Meistertraums. Christian Zeitz scheint mehr als nur zu ahnen, dass es für den THW vorbei ist.
Ende eines Meistertraums. Christian Zeitz scheint mehr als nur zu ahnen, dass es für den THW vorbei ist.Foto: Fishing4

Welthandballer ist er, der Beste seiner Zunft, und für gewöhnlich verströmt Filip Jicha ein Selbstbewusstsein, das nicht von diesem Planeten zu sein scheint. Mit seiner Souveränität hat der Tscheche zum Nimbus der Unbesiegbarkeit beigetragen, den der THW Kiel sich in den letzten Jahren erarbeitet hat. Doch am Mittwochabend war alles anders. Mit hängenden Schultern schaute der 2,01 Meter große Hüne zu Boden. Fast kamen ihm die Tränen, als er das 31:33 gegen die Rhein-Neckar Löwen, die zweite Heimniederlage hintereinander, kommentierte. Die Niederlage zuvor gegen Großwallstadt sei ein Schock gewesen, berichtete er. „Viele unserer Spieler haben ja im THW-Trikot noch nie zu Hause verloren.“

Von einer handballhistorischen Stunde war an diesem Abend die Rede, und das aus mehreren Gründen. Seit November 1978 (gegen den TuS Hofweier und den VfL Gummersbach) hat Kiel nicht mehr zwei Mal hintereinander verloren. Auch andere Serien gehen zu Ende. Etwa die das THW-Torhüters Thierry Omeyer, der seit 2001 stets die Meisterschaft gewann, zunächst in Montpellier, seit 2006 in Kiel. Denn seit Mittwoch steht fest, dass der THW seinen Rekord (sechs Meistertitel hintereinander) nicht ausbauen kann; da der HSV Hamburg mit 34:30 in Flensburg siegte, liegt der THW sieben Spieltage vor Schluss mit acht Zählern zurück. „Die Meisterschaft ist abgehakt“, sagte THW- Trainer Alfred Gislason.

Endlich also wird die Sehnsucht der Hamburger nach der ersten deutschen Meisterschaft gestillt. Doch trotz des riesigen Vorsprungs regierte das Understatement. „Falls wir Deutscher Meister werden würden, kann ich mich noch lange genug darüber freuen. Noch sind wir das nicht“, sagte HSV-Coach Martin Schwalb und wehrte die Glückwünsche seines Flensburger Kollegen Ljubomir Vranjes brüsk ab. Auch Pascal Hens verweigerte sich. „Jetzt kommen genau die Glückwünsche, die es noch nicht geben darf. Wir feiern erst, wenn wir rechnerisch durch sind“, sagte der 30-Jährige.

Diese Zurückhaltung mutet seltsam an, da der HSV seit dem zweiten Spieltag ungeschlagen ist. Sie speist sich aus den vielen bitteren Erfahrungen der letzten Jahre, in denen sich der HSV an der Dominanz und den Demütigungen des großen THW abarbeiten musste. Auch im vorigen Jahr feierten schon einige die Meisterschaft, bevor der HSV das entscheidende Duell gegen den Rekordmeister verlor. Man habe schon oft genug bitter bereut, vorzeitig über Titel geredet zu haben, die man noch nicht gewonnen hatte, sagte Hens.

Domaguj Duvnjak, der 22-jährige Kroate, geht forscher mit der günstigen Ausgangslage um. „Jetzt müssen wir Meister werden“, sagte der Spielmacher, der neben Torwart Johannes Bitter zu den überragenden Figuren zählte. Bitter nannte als Erfolgsrezept die Cleverness und Abgebrühtheit, die dem Klub lange abgegangen waren. „Man hat gesehen, dass wir nach jedem Gegentor nach vorne rennen und sofort wieder eine gute Aktion haben. Das killt den Gegner irgendwann.“

Dierk Schmäschke drückt es weniger martialisch aus. „Die Mannschaft ist in diesem Jahr wirklich gereift“, sagte der HSV- Vizepräsident, der den Klub im Sommer nach Flensburg verlassen wird. Auch er weiß, dass Kiel nur noch eine theoretische Chance auf ihren 17. Meistertitel hat. „Das Ende der THW-Siegesserie tut der ganzen Liga gut“, sagt er, „es kann sein, dass nun die Ära des HSV Hamburg beginnt.“ Natürlich wolle man aber erst „die Schale in der Hand halten“. Dieser Moment könnte für die Hamburger ein doppelt besonderer werden: Sollte der THW in Lemgo nicht gewinnen, könnte der HSV mit seinem Auswärtsspiel schon am 20. April den Titel perfekt machen. In Kiel.

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