Handball : Der Star fliegt nicht mehr

Warum Russland, heute Auftaktgegner der Deutschen bei der Handball-WM, kein Medaillenkandidat ist.

Hartmut Moheit
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Mit vollem Körpereinsatz. Als Eduard Kokscharow.Foto: AFP

Manchmal grummelte Wladimir Maximow nur, aber seinen Spielern waren die Reaktionen ihres Trainers an der Seitenlinie ohnehin so ziemlich egal. „Wir hören das gar nicht, ob er nun brüllt oder nur vor Wut schnaubt“, erzählte Oleg Grams vor gut einem Jahr bei der Handball-WM in Deutschland, als er zum Stil des russischen Nationaltrainers befragt wurde. Aber sofort danach sagte der Torhüter über den damals 61-Jährigen auch: „Er ist ein absoluter Fachmann.“ Seit 1992 war Maximow für das russische Team, den heutigen WM-Auftaktgegner des deutschen Teams in Varazdin (17.30 Uhr, live bei RTL) verantwortlich. Er gewann mit ihm zwischen 1993 und 2000 Gold bei Olympia, WM und EM. Wer wollte da auch seine diktatorische Art des Umgangs mit den Spielern in Frage stellen? Erst als in den zurückliegenden Jahren die Erfolge ausblieben und beispielsweise nur ein 13. Platz bei der EM 2008 herauskam, wurde die Verantwortung an Maximows bisherigen Assistenztrainer Nikolaj Tchigarew übertragen. Doch der auch bereits 55-Jährige verkündete recht schnell: „Ich sehe mich als Nachfolger der Philosophie von Wladimir Maximow und werde mich auch in Zukunft mit ihm beraten.“ Schon einmal, nach Olympia 2004 in Athen, hatte Maximow das Amt des Nationaltrainers abgegeben. Damals an Anatoli Dratschow. Aber als es mit dem nicht aufwärts ging, kehrte er wieder ins Amt zurück.

Und auch diesmal ist Maximow präsent. Als Generaldirektor des russischen Handballverbandes und, was in Bezug auf die Nationalmannschaft viel schwerer wiegt, als Chefcoach des Serienmeisters Medwedi Tschechow. Zeitweise 18 Spieler dieses Teams gehörten zum russischen WM-Kader für Kroatien. Es scheint, als trete die einstige Handball-Supermacht in ihrer Entwicklung auf der Stelle. Juri Schewzow, der im Team von Maximow große Erfolge feierte und zuletzt in der Bundesliga die Rhein-Neckar Löwen trainierte, fordert deshalb: „Die Zeit ist gekommen, vom System Maximow abzukommen. Ich schätze, das Team wird wie immer athletisch sehr gut trainiert in Kroatien auftreten, weitere Erfahrungen machen und die Hauptrunde erreichen. Mehr ist jedoch nicht drin“, sagte er „handball-world.com“. Bereits in den WM-Qualifikationsspielen gegen Weißrussland hatten die Russen große Mühe, sich das Ticket für Kroatien überhaupt zu holen. Als großen Mangel sieht Schewzow die fehlende Konkurrenz in der russischen Liga. In dem Aufgebot für die WM in Kroatien gibt es keinen Spieler mehr, der in einem internationalen Top-Team sein Geld verdient. Linksaußen Eduard Kokscharow, der in Slowenien bei RK Celje zum Star aufstieg und für Russland über 1000 Tore warf, hat seinen Rücktritt erklärt. Dazu kommt, dass Rechtsaußen Denis Kriwoschlykow nicht nominiert wurde. Damit steht in den Reihen der „Sbornaja“ kein Aktiver aus dem Team, das 1997 WM-Gold holte.

Ein wenig spricht das für einen Generationswechsel auf dem Spielfeld. Nikolaj Tchigarew gibt sich in dieser Frage auch modern, er setzt nicht nur auf Reife. Aber mit den Sünden der Vergangenheit muss er leben. Seit ein paar Jahren schon rücken nicht mehr genügend Talente nach. Bei der Junioren-WM 2007 kam nur noch ein neunter Platz heraus. Bei den zwei davor ausgetragenen Welttitelkämpfen war Russland gar nicht erst vertreten. Diese Jahrgänge fehlen ihm jetzt. Dass Russland längst nicht mehr in der ersten Reihe des Welthandballs steht, ist diesem Zustand geschuldet. Allein mit den routinierten Medwedi-Blöcken kann die Weltspitze nicht zurückerobert werden, Medaillen liegen in weiter Ferne. Es verwundert deshalb nicht, dass die Deutschen ihren heutigen WM-Auftakt zum Schlüsselspiel apostrophiert haben. Respekteinflößend ist das Aufgebot der Russen schon lange nicht mehr. Noch weniger, weil Wladimir Maximow nicht an der Linie steht.

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