Handball : Die Islandisierung der Bundesliga

Isländer sind in der Handball-Bundesliga oft Leistungsträger. Wie eine kleine Insel im Nordatlantik mit Spielern und Trainern den deutschen Handball bereichert.

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Auf dem Sprung nach Deutschland. Handballer wie der Füchse-Spieler Alexander Petersson sind in Island zur Wurfschule gegangen.
Auf dem Sprung nach Deutschland. Handballer wie der Füchse-Spieler Alexander Petersson sind in Island zur Wurfschule gegangen.Foto: p-a/Eibner

Berlin - Nach 40 Minuten war sich Bob Hanning schon sicher. „Bereits auf der Fahrt vom Flughafen in Reykjavik zu Dagur nach Hause wusste ich, dass es passt“, erzählt der Füchse-Geschäftsführer über das Frühjahr 2008. In dieser kurzen Zeit hatte ihn Dagur Sigurdsson mit seinen Visionen für Berlin überzeugt. „Sein Konzept, dass vor allem auf den Nachwuchs ausgerichtet war, entsprach genau meinen Vorstellungen“, sagt er zweieinhalb Jahre danach. Damals, als es für ihn galt, den Nachfolger für Jörn-Uwe Lommel beim aufstrebenden Handball-Bundesligisten zu finden, stand für Hanning als Prämisse fest: „Entweder wir verpflichten einen in der Bundesliga bewährten deutschen Trainer, wobei ich auch mit Heiner Brand liebäugelte. Oder einen Skandinavier. Ola Lindgren aus Schweden war damals eine Option für mich und eben der noch recht junge, aber in Japan und Österreich viel bewirkende Sigurdsson.“

Wie richtig es war, sich für den 37-jährigen Isländer zu entscheiden, zeigt die Entwicklung der Füchse seit dessen Einstieg im Sommer vorigen Jahres. Die Mannschaft vollzog zunächst punktemäßig einen Qualitätssprung, und in dieser Saison spricht schon allein ein Blick auf die Tabelle für sich. Vor dem heutigen Heimspiel in der wieder ausverkauften Max- Schmeling-Halle gegen den TV Großwallstadt (17.30 Uhr, live auf Sport1) liegen die Füchse nach sechs Spielen noch verlustpunktfrei an der Spitze. Was auch in Sigurdssons Heimat mit Stolz verfolgt wird. Die Füchse Berlin sind nur ein weiteres Beispiel für die Islandisierung der Bundesliga – im besten Sinne.

Vor ein paar Tagen erst hat Dagur Sigurdsson in Berlin einen neuen Zweijahresvertrag bis 2013 unterschrieben. Er bleibt damit, neben Alfred Gislason (THW Kiel), Aron Kristjansson (Hannover-Burgdorf) und Nationaltrainer Gudmundur Gudmundsson (Rhein-Neckar Löwen) der vierte isländische Chefcoach in der ersten Spielklasse – die Füchse liegen damit weiterhin im Trend. In Liga zwei warten noch Patrekur Johannesson (Emsdetten) und Adalsteinn Eyjolfsson (Eisenach) auf ihre Aufstiegschance. Warum aber sind die Bundesligen in Deutschland so sehr auf den isländischen Handball fixiert?

Augenfällig ist die Vielzahl an Spielern von der kleinen Insel im Nordatlantik. Sie sind in der Bundesliga oft Leistungsträger. Island, Olympiazweiter 2008 und WM-Fünfter 1997 in Deutschland, hatte beim Gewinn der EM-Bronzemedaille im Januar allein 14 Bundesliga-Spieler im Aufgebot. Vom heutigen Füchse-Gegner Großwallstadt gehört Sverre Jakobsson dazu.

Wenn Bob Hanning über die Vorzüge eines Isländers im Handball spricht, fallen bei ihm Worte wie: Vikinger-Gen, teamfähig, strukturiert, geradeheraus, ehrliche Arbeiter, begeisterungsfähig, bescheiden, willensstark. Kein Wunder, dass die Füchse neben Sigurdsson auch auf dem Parkett auf diese Tugenden setzen. Zwar hatte der talentierte Runar Karasson den Durchbruch bei ihnen nicht geschafft und wurde zum Bergischen HC eine Spielklasse tiefer abgegeben. Umso mehr aber erweist sich Alexander Petersson als große Verstärkung. Er hat zwar seine familiären Wurzeln in Lettland, doch zum Handball gekommen ist er als Jugendlicher in Island – und spielt auch so. „Zu Hause mögen ihn die Menschen, weil er immer alles gibt, nie resigniert und ein klasse Handballer ist“, sagt Dagur Sigurdsson über ihn. Wer sich in der Fremde durchsetzt, auf den sei man stolz. Aufgeben gebe es in Island nicht. Vielleicht ist ja auch das eben das Erfolgsgeheimnis der Isländer in der Bundesliga, die sich in Deutschland auch sichtlich wohlfühlen.

Nur bei Länderspielen ist das anders, da geht es allein um Island, für Island. So im März 2011 im westfälischen Halle, in einem EM-Qualifikationsspiel. Dann, nach der WM im Januar in Schweden, werden sich auch wieder junge isländische Handballer in Szene setzen wollen, um sich für die Bundesliga anzubieten. Es gibt genügend Trainer und Spieler, die für sie bereits einen Bonus erarbeitet haben.

Und die Älteren? Es wäre bestimmt kein Wunder, wenn der noch bei den Rhein-Neckar Löwen spielende Star Olafur Stefansson der nächste Isländer unter den Bundesliga-Trainern werden würde. Er ist mit 37 Jahren so alt wie Dagur Sigurdsson.

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