Handball : Ein Kapitän wird wieder Steuermann

Als Führungsspieler war Michael Kraus ein Missverständnis – jetzt will er wieder befreit Handbälle werfen.

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Zeit für den nächsten Wurf. Zuletzt war Michael Kraus oft überlastet und verletzt, nun soll alles besser werden.
Zeit für den nächsten Wurf. Zuletzt war Michael Kraus oft überlastet und verletzt, nun soll alles besser werden.Foto: picture-alliance/ dpa

Berlin - Eines muss man Michael Kraus lassen: Er weicht keiner Frage aus. Bei der unglücklichen Europameisterschaft Anfang des Jahres in Österreich war das nicht anders als beim triumphalen Erfolg des Handball-Nationalteams bei der WM 2007. Aber vielleicht lässt sich das Problem des 26-Jährigen auch so zusammenfassen: Hätte er öfter mal geschwiegen, wäre er vielleicht Kapitän geblieben.

Vor drei Jahren löste Michael Kraus mit großen Spielen einen regelrechten Hype um seine Person aus und stieg als „Mimi“ und „Bravo-Boy“ sehr schnell zum neuen Star auf. Aber der Regisseur des TBV Lemgo wäre nun, drei Jahre danach, sicherlich besser beraten gewesen, als er besonders in der Kritik stand, auch mal zu schweigen.

Kraus hat eine Eigenschaft, die letztlich im positiven wie im negativen Sinne immer wieder auf ihn zurückfällt: Er kann jeden Umstand genau erklären und vermittelt stets den Eindruck, alles im Griff zu haben. Neben seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Spielfeld, die von Dynamik und Wurfstärke geprägt sind, war dies sicherlich der Hauptgrund dafür, dass ihm nach dem Rücktritt von Markus Baur auch jene Kapitänsbinde anvertraut wurde, die man ihm jetzt wieder weggenommen hat.

Doch die Hoffnungen, die Heiner Brand in den talentierten Mittelmann setzte, haben sich nicht erfüllt. Baur, der auch zeitweilig sein Trainer in Lemgo war, hatte schon früh geahnt, dass Kraus mit einer Führungsrolle überfordert ist: „Er braucht selbst noch Hilfe. Dazu benötigt er Zeit und Menschen, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ Kraus stehe „sich manchmal selbst im Weg. Außerhalb des Spielfeldes ist er zu leicht ablenkbar.“

Baur war nicht der Einzige, der die Einstellung des Michael Kraus zu seinem Beruf infrage stellte. Die ständige Schelte ehemaliger Nationalspieler an seiner Person kommentierte der Angegriffene dann bei der EM im Januar mit einem weiteren streitbaren Zitat: „Das sind dann genau die Personen, die, wenn sie vor mir stehen, mir ins Gesicht lächeln und meine Schulter tätscheln.“

Spurlos vorbei zog die Kritik an Kraus allerdings nicht. „Ich erlebe zum ersten Mal, dass die Welt über einem Einzelnen so zusammenstürzt“, sagte er. „Ich habe versucht, das zwar zu reflektieren, aber trotzdem nicht so nah an mich heranzulassen. Aber wer schon mal sportlich aktiv gewesen ist, der weiß, dass das ein Teufelskreis ist und man aus dem Grübeln kaum herauskommt.“ Besonders hart hatte ihn getroffen, dass er vielfach zum Hauptverantwortlichen für das enttäuschende EM-Abschneiden des Ex-Weltmeisters mit Rang zehn gemacht wurde. Erst verteidigte er sich noch, er habe schließlich das Vertrauen des Bundestrainers, und „der hat sich doch mit der Vergabe der Kapitänsbinde etwas gedacht. Er weiß, dass das ein Amt ist, in das man Stück für Stück hineinwächst.“

Inzwischen jedoch sind beide Seiten offensichtlich zur Erkenntnis gelangt, dass Kraus seine Fähigkeiten am besten einsetzen kann, wenn er sich nur noch auf das Handballspielen konzentriert. „Heiner Brand hat mich in keiner Weise bedrängt. Ich glaube, dass ich der Nationalmannschaft so besser helfen kann“, erklärte der Spielmacher. „Ich möchte mich ganz auf Training und Spiel konzentrieren und auf die Fitness meines Körpers.“ Denn es waren auch viele Verletzungen und Krankheiten, die ihn immer wieder zurückwarfen.

Jetzt möchte er, befreit von der Kapitänsbürde, als Steuermann auf dem Spielfeld die Wende herbeiführen. Die Zeit, in der er die nötige Professionalität vermissen ließ und dafür auch zeitweise aus dem Nationalteam verbannt worden war, soll endgültig vorbei sein. Kraus hat sich von seinen Beratern getrennt und strebt trotz eines Vertrages bis 2012 den Wechsel heraus aus der Komfortzone Lemgo zu einem Champions-League-Team an, in dem er sich dem Konkurrenzkampf mit internationalen Stars stellen will.

Bei den nächsten Länderspielen der Nationalmannschaft um die WM-Qualifikation gegen Griechenland am 12. Juni in Dortmund und am 20. Juni in Pylaia will Kraus seine neue Stärke schon unter Beweis stellen: „Da werde ich richtig Gas geben, da geht es um die Zukunft unserer Mannschaft.“ Dann möchte er das „Seuchenjahr“ vergessen lassen, am besten mit Taten. Denn die Zeit der Worte ist vorbei.

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