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Handball-EM : Christian Dissinger: Die Umwege eines Hochbegabten

Christian Dissinger ist ein Schlüsselspieler bei der Handball-EM – dabei wollte er schon aufhören. Im zweiten Gruppenspiel heute gegen Schweden (20.30 Uhr) setzt Bundestrainer Dagur Sigurdsson auf den Rückraumspieler.

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Christian Dissinger hat sich zurückgekämpft.
Christian Dissinger hat sich zurückgekämpft.Foto: dpa

Auf den Hotelfluren ist die Stimmung für den Moment recht entspannt und freundlich. Ach, du auch hier, schön dich zu sehen, alles klar soweit? Dazu gibt es noch ein paar mehr oder weniger kluge Sprüche, ein bisschen Trashtalk – man kennt sich halt unter schwedischen und deutschen Handballern. Acht Spieler aus dem Kader der Skandinavier verdienen ihr Geld in der Bundesliga, außerdem sind die Auswahl-Teams beider Länder bei der Europameisterschaft in Polen in derselben Unterkunft untergebracht.

Am Montagabend, wenn der Treffpunkt in der Jahrhunderthalle von Breslau liegt und nicht mehr zwischen den Zimmertüren, wird das friedvolle Miteinander allerdings für gut eineinhalb Stunden ruhen; dann begegnen sich die Mannschaften in ihrem zweiten von drei EM-Vorrundenspielen der Gruppe C (20.15 Uhr, ARD). „Das wird ein richtiger Kampf, garantiert“, sagt Christian Dissinger, wobei die Deutschen nach ihrer Auftaktniederlage gegen Spanien am Freitag schon unter Druck stehen. „Wir müssen jetzt beide Spiele gewinnen, wenn wir mit einer guten Ausgangsposition in die Zwischenrunde gehen wollen“, ergänzt der Nationalspieler.

Ob das tatsächlich gelingt, wird nicht zuletzt von Dissinger selbst abhängen – allein schon wegen seiner Position im linken Rückraum, der gemeinhin wichtigsten Planstelle in einem funktionierenden Handball-Team. Der 24-Jährige ist nach der Verletzung von Paul Drux einer der Schlüsselspieler im Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson – und zugleich auch ein Sinnbild der Mannschaft, die der Isländer für das Turnier in Polen nominiert hat: jung, begabt, vielversprechend, aber eben noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Das zeigte sich auch am Samstag im Duell mit Spanien, in dem eine zehnminütige Schwächephase genügte, um komplett den Anschluss und letztlich das Spiel zu verlieren. „Man hat gesehen, dass uns phasenweise die Cleverness gefehlt hat“, sagte Torhüter Carsten Lichtlein, mit 35 Jahren ältester und erfahrenster Spieler im Kader. „Wir haben eine gute Mannschaft“, sagt Dissinger, „und wir haben das Potenzial, eines Tages eine spektakuläre Mannschaft zu sein.“

Dissinger kämpfte sich nach Kreuzbandriss zurück

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Dass der wurfgewaltige Rechtshänder diesem Team überhaupt angehört und das unter normalen Umständen auch in Zukunft tun wird, ist schon eine kleine Sensation angesichts seiner Geschichte. Nicht, dass es ihm an Talent gemangelt hätte, im Gegenteil. Mit 15 Jahren absolvierte der Sohn einer Handballer-Familie seine erste Trainingseinheit bei einem Zweitligisten, es folgte der Aufstieg in die Bundesliga, die Nominierung für das Nachwuchs-Nationalteam und 2011, bei der Junioren-WM in Griechenland, sogar die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler des Turniers. Dissinger war die personifizierte Hoffnung dafür, dass es nach düsteren Jahren endlich wieder aufwärts gehen würde im deutschen Handball, der es über Jahre versäumt hatte, die Anschlussförderung zu gewährleisten, sprich: den Übergang vom Junioren in den Profi-Bereich. So auch im Fall Dissinger: Weil er im Ausland bessere Chancen auf regelmäßige Spielzeit sah, verließ der Hochbegabte die Bundesliga und schloss sich den Kadetten Schaffhausen an – und beim Schweizer Serienmeister fing die Misere dann an, die ihn lange begleiten sollte.

Wenige Wochen nach seinem Wechsel erlitt Dissinger einen Kreuzbandriss. Er kämpfte sich zurück, Aufbautraining, Krafttraining, Reha, Physiotherapie, das komplette Programm. Ein Jahr später, Dissinger hatte gerade wieder zu Kräften gefunden, zog er sich erneut einen Kreuzbandriss zu, erneut in einem Champions-League-Spiel, erneut gegen den FC Barcelona. Es schien fast so, als wären da höhere Mächte im Spiel. Immerhin gab es, allem Pech zum Trotz, eine Perspektive für den damals 21-Jährigen: Atletico Madrid hatte ihn unter Vertrag genommen, es winkte ein Neustart in einem neuen Land, jedenfalls bis zum ersten Trainingstag nach der Sommerpause. Da eröffnete Atleticos damaliger Trainer Talant Duschebajew seinem Team, dass der einst schwerreiche Verein nach einer Insolvenz künftig nicht mehr existieren würde, dass alle nach Hause fahren können und die Verträge ungültig sind. „Das war so ein Punkt, an dem ich mir ernsthaft Gedanken gemacht habe, meine Karriere zu beenden“, sagt Dissinger, „ich war verletzt, vereinslos und habe kein Licht am Ende des Tunnels gesehen.“

Über Umwege landete er schließlich beim THW Kiel und spielte sich mit einer starken Hinrunde wieder in den Vordergrund und ins Nationalteam. „Heute“, sagt Dissinger, „bin ich einfach froh, nicht hingeschmissen zu haben.“ Deutschlands Handball-Fans werden das ähnlich sehen.

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