Handball-EM : Philosophie gegen Schmerzen

Deutschlands heutiger Auftaktgegner Polen startet selbstbewusst in die Handball-Europameisterschaft.

Erik Eggers[Innsbruck]
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Ungesunde Härte. Handballspiele zwischen Polen und Deutschland können wehtun. Hier hat Holger Glandorf im WM-Finale 2007 mit Rafal...Foto: ddp

Er ist ein Mann, der klare Worte nicht scheut. Der zuweilen die Zuschauer und Gegner heftig provoziert. Der, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, seinen ganzen Körper einsetzt und förmlich vibriert – Bogdan Wenta zählt zu den emotionalsten Trainern des europäischen Handballs. Manchmal treibt es der 48-Jährige auch zu weit. Auch mit Bundestrainer Heiner Brand hat es sich Wenta nach der Handball-WM 2007 verscherzt. Damals lästerte er hinter vorgehaltener Hand darüber, dass Deutschland von den Schiedsrichtern zum Titel gepfiffen worden sei. Und als Brand sich dann, nach der Revanche des WM-Finales 2007, beim Supercup heftig über die polnische Härte beklagte, schrie Wenta: „Was soll ich denn noch machen? Soll ich vor den Deutschen niederknien?“

Inzwischen hat sich die Auseinandersetzung abgekühlt. Brand und Wenta haben sich irgendwann ausgesprochen, und so steht ein verbales Duell der Trainer nicht zu befürchten, wenn Deutschland heute (18.30 Uhr, live im ZDF) am ersten Spieltag der neunten EM in Innsbruck auf Polen trifft. Im Grunde schätzen sich beide Trainer sehr. Der eingedeutschte Wenta gewann bei der EM 1998 die Bronzemedaille unter Brand. Und auch Brand respektiert die Erfolge, zu denen Wenta das lange brach liegende polnische Nationalteam in den letzten Jahren getrieben hat. Nach Platz zwei bei der WM 2007 qualifizierte sich Polen erstmals nach 28 Jahren wieder für Olympia und 2009 brachte Polen WM-Bronze nach Hause. Jetzt soll es endlich etwas werden mit dem Titel: „Wir wollen Gold“, sagt Wenta.

In seiner nun fünf Jahre währenden Amtszeit hat es Wenta geschafft, einen Haufen versprengter Individualisten zu einem verschworenen Haufen zusammenzuschweißen. „Der Grund des Aufschwungs ist eigentlich in einem Wort zu beschreiben: Arbeit“, sagt Wenta, der die deutschen Profis aus seiner Zeit als Coach des SC Magdeburg kennt. „Wir arbeiten schon das fünfte Jahr zusammen. Wir vertrauen uns, arbeiten unter einer gemeinsamen Philosophie. Da spürt man die Schmerzen im Training weniger.“

In diesen fruchtbaren Jahren sind einige Spieler zu Weltklasseprofis gereift. Etwa Rückraum-Linkshänder Marcin Lijewski (32), der momentan allerdings noch unter einer Mandelentzündung leidet, und dessen Bruder Krzysztof. Beide stehen beim HSV Hamburg unter Vertrag. Auch Torhüter Slawomir Szmal von den Rhein-Neckar Löwen kann an einem guten Tag ein Spiel allein entscheiden. Und auch die Rückraumschützen Karol Bielecki und Mariusz Jurasik sind den Fans aus der Bundesliga wohlbekannt, neun polnische Profis verdienen dort ihr Geld . Probleme besitzt Wenta freilich auf der zentralen Rückraumposition, da sowohl Damian Wleklak (Minden) als auch Grzegorz Tkacyzk (Rhein-Neckar Löwen) verletzt ausfallen.

Trotzdem schiebt Brand dem heutigen Gegner gern die Rolle des Favoriten zu. Man gehöre nach der durchwachsenen Vorbereitung gewiss nicht zu den Favoriten, sagte der 57-Jährige über seine Mannschaft: Die große Klasse der Polen steht außer Frage.“ Aber auch im letzten Jahr trat das deutsche Team in der WM-Vorrunde als Außenseiter gegen Polen an und siegte mit 30:23-Toren nach einer phantastischen Leistung der 6:0-Abwehr, die Torhüter Carsten Lichtlein mit sensationellen Paraden abrundete.

Damals gewann Torsten Jansen, mit 170 Länderspielen der erfahrenste Deutsche, das Schlüsselduell gegen Marcin Lijewski: Der beste deutsche Abwehrspieler nahm seinem Klubkollegen jede Luft zum Atmen. Auf solche Leistungen in der Verteidigung ist das deutsche Team nicht nur gegen Polen, sondern auch in den folgenden Partien gegen Slowenien (Mittwoch) und Rekordeuropameister Schweden (Freitag) angewiesen. Nur dann ist das Minimalziel für diese EM, die Qualifikation für die Hauptrunde, machbar.

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