Handball-Europameister : Dagur Sigurdsson: „Die Hymne zu singen, gehört für mich dazu“

Dagur Sigurdsson spricht nach dem Sieg bei der Handball-Europameisterschaft über das Leben als Isländer in Berlin, seine Zukunft als Bundestrainer, die Kraft der Musik - und die Entstehung der Bad Boys.

Das gibt's doch gar nicht. Bundestrainer Dagur Sigurdsson nach dem Sieg im EM-Finale gegen Spanien.
Das gibt's doch gar nicht. Bundestrainer Dagur Sigurdsson nach dem Sieg im EM-Finale gegen Spanien.Foto: Imago

Herr Sigurdsson, Sie sind jetzt ein Star in Deutschland.

Star würde ich jetzt nicht sagen.

Aber Sie sind seit Kurzem quasi Dauergast im Fernseh-Abendprogramm. Beim EM-Finale haben Sie den „Tatort“ bei der Quote geschlagen, die deutsche TV-Institution.

Ich bin kein Fan davon, im Studio zu sitzen und auf meinen Auftritt zu warten. Aber ich finde es normal, dass die Leute hören wollen, was wir erlebt haben. Wir waren ja mittendrin in diesem Märchen.

Im Goldenen Buch der Stadt Berlin steht neben Marlene Dietrich, John F. Kennedy und Barack Obama jetzt auch Ihr Name.

Ich glaube, das war schon das dritte Mal. Als Trainer der Füchse auf jeden Fall nach dem Sieg im DHB-Pokal. Und ich glaube, auch nach dem Sieg im EHF-Cup.

Sie leben seit 2009 in Berlin. Werden Sie seit dem EM-Titel häufiger erkannt?

Keine Ahnung, ich war ja zuletzt kaum hier. Ich habe seitdem einmal ein Taxi genommen, und der Fahrer wollte kein Geld. Das war aber auch das einzige Mal. Ich fahre in Berlin weiter ganz normal mit der S-Bahn und muss die Stadt nicht verlassen, um vor die Tür gehen zu können.

Sie wurden mit einer großen Party in der Schmeling-Halle empfangen. Dabei liefen Helene Fischer, Peter Wackel, die Höhner und DJ Ötzi. Klassisches deutsches Schlagergut. Haben Sie die Musik ausgewählt?

Solche Platten kaufe ich mir nicht. Ich kam 1996 zum ersten Mal mit Schlager in Verbindung. Ich war gerade als Spieler nach Deutschland gewechselt, im Bus liefen häufig Schlager nach Siegen. Als Kabinenmusik oder wenn es ums Feiern geht, habe ich damit kein Problem.

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Island gilt als Ort hochwertiger Musik, Björk oder Sigur Ros sind weltweit bekannt. Was wäre in der Kabine gelaufen, wenn Sie hätten entscheiden können?

Sicherlich etwas anderes als Schlager. Aber die Kabine ist für die Jungs, da sollen sie Stimmung aufbauen. Da wollte ich nicht stören. In Island ist alternative Musik Mainstream, ganz anders als in Deutschland. Man gilt eher als komischer Typ, wenn man Mainstream-Sachen hört. Ich höre viele alte Sachen auf Vinyl, Bob Dylan, Neil Young, von den aktuellen Künstlern ist PJ Harvey mein Favorit. Aber ich höre auch ganz normalen Rock ’n’ Roll, Arctic Monkeys, solche Sachen. Vieles geht in Richtung Brit-Pop, weil es auf Island schon immer einen starken englischen Einfluss gegeben hat.

Ihr Bruder Bjarki spielt in der Band Mono Town.

Er macht eine Mischung aus Rock und Pop, ein bisschen wie Filmmusik. 2014 hatten sie die Platte und das Lied des Jahres in Island. Sie laufen viel im Radio, in Skandinavien waren sie sogar Vorband der Pixies. Einmal bin ich extra nach Dänemark gefahren, um mir diese 40-Minuten-Nummer anzusehen.

Sie spielen selbst Gitarre. Könnten Sie denn notfalls für Ihren Bruder im Vorprogramm der Pixies einspringen?

So gut bin ich nicht. Ich habe mir nur ein paar Akkorde selbst beigebracht. In Island habe ich ein Schlagzeug in der Garage. Das ist nur ein Hobby, es war nie ein Traum, Musiker zu werden.

Wie waren denn in der Heimat die Reaktionen auf Ihren EM-Sieg?

Unheimlich viele Leute haben es verfolgt. Island ist ja bei der EM schnell ausgeschieden, dann sind meine Landsleute auf den deutschen und den dänischen Zug aufgesprungen. Dänemark wird ja auch von einem Isländer trainiert, von Gudmundur Gudmundsson, meinem alten Trainer im Nationalteam. Zum Schluss der EM war ich dann ganz alleine, das war eine Riesensache für Island. Ich war auf den Titelseiten der beiden größten Zeitungen.

Bei der EM hatte man das Gefühl, Sie wären das Turnier im Kopf schon vorher mehrfach durchgegangen. Es gab für jedes Spiel einen Plan, ein Motto.

So ein Turnier kann man nicht komplett planen, den Matchplan für den nächsten Gegner haben wir erst am Tag davor gemacht. Aber die grobe Richtung stand seit eineinhalb Jahren fest, seit meinem Dienstantritt als Bundestrainer. Da hat auch die Sache mit den Bad Boys begonnen.

Das Leitmotiv der deutschen Mannschaft bei der EM. Wie kam es dazu?

Die Geschichte ist über zwei Jahre alt. Ich bin ein großer Abwehr-Fan. Und ich habe mir die Bad Boys ausgesucht, die Detroit Pistons von 1989. Die waren keine klassische Erfolgsgeschichte, sondern ein Basketballteam ohne Stars mit knallharter Defense. In der NBA gab es damals Larry Bird, Michael Jordan, Magic Johnson, die Lakers, die Celtics, die Bulls. Und dann kamen diese Bad Boys und haben trotzdem gewonnen. Davon gibt es eine super Dokumentation, und die Jungs mussten sich das bei meiner ersten Besprechung als Bundestrainer ansehen. Ich habe ihnen damals gesagt: Jungs, das ist unser Vorbild, das sind die Bad Boys – und ich möchte, dass das bei uns genauso aussieht. Das hat sich dann Stück für Stück entwickelt. Am Ende hingen bei uns in der Kabine die Spieler der Pistons als Poster und alle haben gemerkt: Wir können das kopieren.

Ein Beispiel dafür, welchen Anteil Motivation und Psychologie am Erfolg haben.

Wenn man den richtigen Nerv trifft, kann das helfen. Aber man bewegt sich auf dünnem Eis: Wenn das in die Hose gegangen wäre, hätte es blöd ausgesehen. Man darf keinen zwingen, es muss relaxed sein, die Spieler müssen sagen: Das passt zu uns.

Der frühere Nationalspieler Stefan Kretzschmar hat gesagt: „Neben dem Feld ist das eine Mannschaft voller Schwiegersöhne, auf dem Feld verwandeln sie sich.“

Bei unserer ersten Besprechung ging es genau darum: um unsere Einstellung, unser Image. Das war nicht nur für ein Turnier oder ein Spiel gedacht. Es geht mir darum, dass man auch ohne Stars erfolgreich und mit Mannschaftsgeist viel erreichen kann. Ich habe damals Deutschlands Fußballer als Beispiel genommen. Vor der WM 2014 haben alle gesagt: Da gibt es keine Typen, keinen Ballack, keinen Effenberg, keinen Kahn, und ohne Typen gewinnt man nicht. Dann sind sie Weltmeister geworden, und plötzlich waren überall Riesentypen: Neuer hier, Schweinsteiger da, Müller, Lahm. Erst wenn man gewinnt, wird man ein Typ – das ist natürlich Blödsinn.

Namen scheinen Ihnen generell nicht viel zu bedeuten. Sie haben kurz vor der EM den Torhüter Silvio Heinevetter zu Hause gelassen und Andreas Wolff ins Team geholt. Nicht jeder Trainer wäre das Risiko eingegangen, einen der bekanntesten Spieler auf einer zentralen Position durch einen Debütanten auszutauschen.

Aber wenn man das nicht macht, dann ändert sich nie etwas. Wolff hat eine sehr, sehr gute Saison gespielt. Das haben wir im Trainerstab entschieden, und fertig.

Sie sind nun für Olympia qualifiziert. Die Außenseiter-Rolle haben Sie verloren.

Die Außenseiter-Rolle allein gewinnt keine Spiele. Wir können nicht einfach sagen, wir kommen als Bad Boys, und dann ist alles okay. Wir haben auch sehr guten Handball gespielt und eineinhalb Jahre lang nicht so oft verloren. Wir müssen hart arbeiten und noch besser werden. Ob das dann bei Olympia fürs Halbfinale reicht, weiß keiner.

Viele Ihrer Spieler haben nun schon zu Beginn einen Karrierehöhepunkt erlebt. Wird es für Sie schwieriger, bei Olympia einen ähnlichen Teamgeist zu entfachen?

Wir waren keine halbe Stunde runter vom Podium, da kam schon diese Frage: Jetzt wird’s schwer, oder? Ich sage das nicht gern, aber das ist typisch deutsch (lacht). Natürlich gibt es das nicht so oft, dass man zwei große Turniere hintereinander gewinnt. Aber die Motivation wird kein Problem sein. Da lässt sich keiner hängen, nur weil er Europameister ist. Die wollen alle noch mehr, und sie wissen, sie werden nicht spielen, wenn sie nicht 100 Prozent geben. Dafür gibt es zu viele Beispiele von Leuten, die wir einfach rausgenommen haben. Sie müssen gut drauf sein, egal wie sie heißen.

Frankreich, Spanien, Island … in der kleinen Handball-Welt können Sie sich die Jobs nun sicher aussuchen.

Ohne arrogant zu klingen: Es sind nicht so viele Jobs, die für mich infrage kommen.

Welche kommen denn infrage?

In erster Linie suche ich gar keinen neuen Job. Ich bin quasi erst ein halbes Jahr richtig Bundestrainer. Ich bin immer für alles offen, aber ich bin glücklich, wo ich bin.

Vor ein paar Jahren hatten Sie das Angebot, das dänische Team zu trainieren.

In meinem Vertrag gibt es immer eine Ablösesumme, auch damals als Trainer der Füchse. Aber die Dänen waren wohl nicht bereit, diese Summe zu zahlen. Auch Norwegen hatte damals großes Interesse. Die einzige Möglichkeit war aber Deutschland, weil ich hier ein Jahr lang in Doppelfunktion arbeiten konnte, also als Vereins- und Nationaltrainer. Damit hatte sich auch das mit der Ablösesumme erledigt.

Ihr Vertrag als Bundestrainer läuft allerdings nur noch bis 2017.

Ich habe grob einen Vertrag bis 2020. Aber es gibt eine Klausel für beide Seiten, das 2017 zu beenden. Das wollte der DHB so. Ich kann damit leben.

Wann wird über Ihre Zukunft entschieden? Nach der WM 2017 in Frankreich?

Keine Ahnung, wie das läuft.

DHB-Vize Bob Hanning hat das Projekt 2020 ausgerufen. Ist das auch Ihr Projekt?

Ich habe keine anderen Pläne. Ich habe doch gerade erst angefangen, und eigentlich läuft’s nicht schlecht.

Welche Rolle spielt in Ihren Plänen Ihr Wohnort Berlin? Begreifen Sie sich nach mehr als einem Jahrzehnt in Deutschland als Weltbürger oder als Deutscher?

Meine Familie und ich, wir haben uns überall wohlgefühlt. In Wuppertal, Hiroshima, Bregenz, Island, auch in Berlin. Aber natürlich spielt es eine Rolle, dass unsere Kinder älter geworden sind und hier zur Schule gehen. Die haben hier stärkere Wurzeln als vor sieben, acht Jahren. Zwei von ihnen sind in Deutschland geboren, das hier ist für sie ihr Zuhause.

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Sie haben bei der EM die deutsche Nationalhymne mitgesungen. War das Teil Ihrer Teamgeist-Strategie?

Ich habe selber über 200 Länderspiele für Island gemacht, und da singt man die Hymne einfach mit. Zu einem Länderspiel gehört das dazu. Ich finde es gut, dadurch in die Stimmung zu kommen. Da ist aber keine große Strategie dahinter.

Haben Sie die Hymne im Training geübt?

Ich habe die Hymne nicht studiert oder so. Ich habe angefangen, ein bisschen mitzuhören und mitzuhymnen. Und dann lernt man immer ein bisschen mehr davon.

Eine rein sportliche Angelegenheit und keine Bewerbung für den deutschen Pass?

Ich bin und bleibe durch und durch Isländer. Und ich versuche nicht, das zu ändern oder zwanghaft Deutscher zu werden.

Sie haben schon viele deutsche Tugenden: Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Seriosität.

Es ist sicher kein Zufall, dass isländische Trainer hier so gut funktionieren. Wir passen einfach gut zu dieser Kultur.

Von der Musik abgesehen.

Ja!

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