Handball : Finale der fliegenden Fäuste

Der THW Kiel verliert das hitzige Endspiel der Handball-Champions-League gegen Ciudad Real.

Erik Eggers[Kiel]

Bei Einigen äußerte sich die Enttäuschung leise. Als das Finalrückspiel um die Handball-Champions-League abgepfiffen war, konnte der tschechische Rückraumspieler Filip Jicha seine Tränen nicht zurückhalten. Zu sehr schmerzte die hohe 25:31 (13:15)-Niederlage des THW Kiel gegen den Spanischen Meister BM Ciudad Real, die den Traum von der Wiederholung des Triples aus Meisterschaft, Pokal und Champions League zerplatzen ließ. Und auch gleichzeitig die deutsche Vorherrschaft in Europa beendete: Auch die Rhein-Neckar Löwen waren mit einem 28:28-Remis im Finale des Europapokals der Pokalsieger (Hinspiel 27:32) überraschend am ungarischen Vertreter MKB Veszprem gescheitert. Allein die HSG Nordhorn rettete die Ehre der angeblich besten Liga der Welt: Die Niedersachsen verloren zwar mit 29:30 beim FC Kopenhagen, nahmen den EHF-Pokal aber nach dem 31:27-Hinspielsieg mit an die holländische Grenze. Eigenartig gelassen nahm indes Kiels Trainer Noka Serdarusic die Niederlage im wichtigsten Spiel des Jahres hin. „Ich wusste, dass es hier ganz schwer werden würde, und habe meine Spieler davor gewarnt“, sagte der 57-Jährige. Der Druck auf die Spieler sei nach dem glorreichen 29:27-Hinspielsieg zu groß gewesen, genauso wie die Erwartungen der 10 250 Zuschauer. „Ich habe den Spielern gesagt, dass dies nur ein Spiel ist, dass sie Freude am Spiel entwickeln sollen, aber ich habe sie nicht erreicht.“

Bei anderen verwandelte sich die Enttäuschung in Wut. 40 Sekunden vor Schluss löste Kiels Weltmeister Christian Zeitz, von Alberto Entrerrios provoziert, mit einem Faustschlag eine Massenschlägerei aus – ein unwürdiges Ende eines extrem physisch geführten Handballspiels. Obwohl die Partie längst entschieden war, stürzten nun die Spieler aufeinander los, es flogen die Fäuste, mit dem Höhepunkt, dass ein älterer Zuschauer den Ciudad-Real-Profi Uros Zorman mit einem Programmheft traktierte. Es mussten Polizeibeamte auflaufen, um das hitzige Geschehen abzukühlen. Da aber einige Spieler aus den Reihen des zwölf Millionen Euro teuren spanischen Star-Ensembles die Zuschauer mit unflätigen Gesten provozierten, ging die anschließende Siegerehrung in Buh-Rufen und Pfiffen unter. „Unsere Fans haben nach dem Sieg im Hinspiel gedacht, das wird leicht“, fand THW-Rückraumstar Nikola Karabatic später eine Erklärung für aufgestaute Aggression. „Aber wir haben einfach nicht in das Spiel gefunden.“

Als entscheidender taktischer Schachzug von Ciudad-Real-Trainer Talant Dushebajew erwies sich, Karabatic mit der vorgezogenen spanischen 5:1-Deckung auszuschalten. Meist kümmerte sich der überragende schwedische Linksaußen Jonas Källman, der zudem elf Feldtore erzielte, um den französischen Rückraumstar. Und wenn der 24-Jährige doch einmal entwischte, stürzten sich die anderen Abwehrspieler auf den Kieler Schlüsselspieler. Derart bedrängt erzielte Karabatic nur vier Tore aus zwölf Versuchen. „Talant hat mit der 5:1-Deckung Karabatic völlig aus dem Spiel genommen“, stellte Serdarusic voller Anerkennung fest.

Gewöhnlich wird der Kieler Trainer für sein taktisches Gefühl gerühmt, an diesem Tag fruchtete keine seiner Gegenmaßnahmen. Diskussionen entbrannten aber hinterher vor allem darüber, was Serdarusic nicht gemacht hatte. Warum beispielsweise hatte der zweite Kieler Torwart Matthias Andersson keine Chance bekommen, als Thierry Omeyer in der zweiten Halbzeit eine ganz schwache Phase erwischte, während Ciudad- Real-Torwart Arpad Sterbik die Kieler Angreifer mit seinen Reflexen zunehmend entnervte? Und warum saß THW-Kapitän Stefan Lövgren, der strategische Kopf des Kieler Positionsspiels, in der gesamten zweiten Halbzeit auf der Bank, obwohl es an Angriffskonzepten erkennbar mangelte?

Der anschließenden Feier blieb Serdarusic fern, mit seinem Alter kokettierend: „Ich bin ein alter Mann, ich gehe früh schlafen.“ Bevor er aber ging, gab er dem NDR noch ein bemerkenswertes Interview. „Ich hoffe, ich kann in meinem letzten Jahr als Trainer noch einmal alle drei Titel holen“, sagte er, bevor er entschwand. Kurzum: Er drohte damit, seine sensationelle Trainerkarriere beim THW Kiel, in der er seit 1993 insgesamt 24 Titel anhäufte, im Sommer 2009 auslaufen zu lassen. Es wäre das Ende der erfolgreichsten Ära in der Geschichte des deutschen Klubhandballs.

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