Handball: Füchse gegen THW Kiel : Taschenmesser gegen Degen

Die Füchse Berlin müssen im Spitzenspiel der Handball-Bundesliga erkennen, dass der Abstand zum THW Kiel nach wie vor groß ist

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Da ist er gleih drin. René Toft Hansen (in weiß) zieht ab aufs Berliner Tor.
Da ist er gleih drin. René Toft Hansen (in weiß) zieht ab aufs Berliner Tor.Foto: Imago/Contrast

Am Ende eines langen Abends sprach Thorsten Storm zwei bemerkenswerte Sätze. Zunächst umkurvte der Manager des THW Kiel geschickt die Frage, ob er das Ergebnis, dieses eindeutige 26:18 im Spitzenspiel der Handball-Bundesliga bei den Füchsen Berlin am Mittwochabend, auch als Zeichen der Stärke an die Konkurrenz verstanden wissen wolle. Storm redete und redete und redete, ehe seine Ausführungen in einer echten Kampfansage kulminierten. „Wir können noch besser spielen als heute, das wird sicher kommen mit der Zeit“, sagte der THW-Manager also. „Und dann ist das auch ein Signal an die, die vielleicht jetzt noch vor uns stehen.“ Die Betonung lag auf: vielleicht jetzt noch.
Wegen des traditionell zerstückelten Bundesliga-Spielplans ist der THW zwar nur für den Moment wieder Tabellenführer (12:2 Punkte), weil die SG Flensburg-Handewitt nach Minuspunkten besser dasteht (10:0) als ihr alter Lieblingserzfeind. Die Botschaft hinter Storms Worten war allerdings unzweideutig: Soll bloß kein Emporkömmling annehmen, die über Jahre zementierten Verhältnismäßigkeiten im deutschen Handball ließen sich mal eben über Nacht – oder besser gesagt: über eine Sommerpause inklusive Olympia-Turnier – außer Kraft setzen. Wie die Kieler die Füchse in der heimischen Max-Schmeling-Halle demontierten, war Ausdruck ihrer unerschütterlichen Selbstsicherheit.
Das mussten sie sich auch im Lager der Verlierer eingestehen. „Ganz nüchtern betrachtet waren wir nicht so gut wie der THW“, befand Berlins Nationalspieler Paul Drux. „Die Kieler waren unglaublich clever, und wir konnten nur phasenweise mithalten.“ Bei Bob Hanning, dem Manager der Berliner, klang das verdächtig ähnlich. „Die Kieler sind das Maß aller Dinge im deutschen Handball, das hat man heute wieder gesehen“, sagte Hanning, „ich glaube aber auch, dass wir uns Stück für Stück annähern und normalerweise eine ehrliche Chance gehabt hätten.“

Ohne etatmäßigen Linksaußen - die Füchse waren personell geschwächt

In der Tat war das Spitzenspiel von Beginn an ein ungleiches Aufeinandertreffen. Phasenweise wirkte es wie das Duell zweier Fechter, zu dem einer der beiden nur mit Schweizer Taschenmesser antreten darf. „Für die Füchse war es natürlich ein Riesenverlust, dass sie ohne ihre etatmäßigen Linkshänder antreten mussten“, sagte Kiels Trainer Alfred Gislason mit Blick auf die verletzten Nationalspieler Fabian Wiede und Kent Robin Tönnesen. Und auch die Sache mit der Regenerationsphase war nicht unbedeutsam: Die Berliner hatten nach dem Bundesliga-Spiel am Montag in Hannover nur gut 48 Stunden, um wieder zu Kräften zu kommen, die Kieler dagegen vier Tage. „Das ist ein Riesenunterschied“, sagte Gislason, „wir hätten in dieser Saison niemals in Wetzlar verloren, wenn wir einen Tag mehr Pause gehabt hätten.“ Ob sich diese Erkenntnis auch auf das Spiel der Berliner gegen Kiel hätte übertragen lassen, ist allerdings eher zweifelhaft. Dafür fehlte dann doch ein wenig mehr als zwei kurzfristig verletzte Spieler.
Grundsätzlich haben sie beim deutschen Handball-Rekordmeister sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass das Verfolgerfeld in der Bundesliga zuletzt deutlich aufgeholt hat, auch wenn die Anzeigetafel am Mittwochabend etwas anderes zum Ausdruck brachte. „Es gibt in diesem Jahr sicherlich ein paar mehr Titelfavoriten als sonst, an vielen Orten wird sehr gute Arbeit geleistet“, sagte Storm – und bezog in dieses Lob ausdrücklich die Füchse ein. „Man sieht, dass sich hier in Berlin etwas entwickelt hat, dass eine gute Mannschaft zusammenwächst. Das sah im letzten Jahr noch anders aus.“
Füchse-Trainer Erlingur Richardsson nahm das Kompliment wohlwollend und kopfnickend zur Kenntnis – und richtete den Blick sogleich auf die kommenden Termine. Bereits an diesem Sonntag bestreiten die Berliner ihr nächstes Pflichtspiel, und in den Play-offs zum EHF-Pokal geht es um nicht weniger als eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel am 16. Oktober und die Teilnahme an der Gruppenphase im Allgemeinen. Gegner ist wie im Vorjahr an selber Stelle der französische Tabellendritte Chambéry Savoie, gegen den die Füchse seinerzeit aus dem Wettbewerb flogen. „Ich bin mir sicher, dass wir uns jetzt einmal schütteln und vernünftig die Aufgabe am Wochenende angehen werden“, sagte Hanning, „ich bin mir sogar sehr sicher.“

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