Handball : Helden von morgen

Das umformierte Handball-Nationalteam verliert den WM-Titel, weckt aber Hoffnungen für die Zukunft.

Erik Eggers[Zadar]

Am Ende fehlten zwei Sekunden. Fast hätte sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft doch noch für das Halbfinale der Weltmeisterschaft in Kroatien qualifiziert, trotz der 25:27-Niederlage im letzten Hauptrundenspiel gegen Dänemark. Bis zwei Sekunden vor Schluss stand es Remis im letzten Spiel zwischen Norwegen und Polen, dieses Ergebnis hätte dem Team von Heiner Brand gereicht. Doch dann schnappte sich Artur Siodmiak, der polnische Oliver Roggisch, den Ball und warf ihn über das ganze Feld ins leere Tor und Polen erreichte die Runde der letzten Vier. Brand grämte sich am nächsten Tag keineswegs darüber, er empfand diese Szene vielmehr als logisch. Er habe „nie daran geglaubt“, erklärte der 56-Jährige tags darauf. „Das hätte nicht in dieses Turnier gepasst, wenn wir da auf einmal Glück gehabt hätten.“ Dass der Titel des Weltmeisters, den das Team im Februar 2007 in Köln gewonnen hatte, nun verloren ist, schien ihn nicht mehr allzu sehr zu stören.

Sie hatten einfach nicht das Glück auf ihrer Seite gehabt, das nötig ist, um in einem solch hochkarätigen Turnier weit vorzustoßen. Irgendwie schien sich in der Hauptrunde alles gegen den Titelverteidiger verschworen zu haben. Da war zunächst der Gegentreffer in letzter Sekunde zum 35:35 gegen Serbien. Dann diese letzten 18 Sekunden bei der 24:25-Niederlage gegen Norwegen, als Christian Schöne zweimal von den slowenischen Schiedsrichtern zurückgepfiffen wurde und das Team keinen Torwurf mehr abgeben konnte. Die Schlussphase im letzten Spiel gegen Dänemark krönte das Ganze noch, als der Gegner etwa eine Zweiminutenstrafe herunterspielen durfte, ohne passives Spiel gepfiffen zu bekommen. Die Profis verspürten vor dem Spiel um Platz fünf gegen Ungarn (heute, 15 Uhr, live bei RTL) allerdings wenig Lust, sich weiter über die Schiedsrichter aufzuregen. „In der Hauptrunde waren wir manchmal zu ungeduldig, da fehlte uns in den entscheidenden Momenten die Cleverness. Da hätten wir uns den fehlenden Punkt holen müssen“, übte der Hamburger Torsten Jansen vielmehr Selbstkritik. „Wir wissen selbst, dass wir auch viele Fehler gemacht haben“, ergänzte Torwart Johannes Bitter, sein Klubkollege, der das Team gleichwohl gerüstet sieht für die nächsten Jahre: „Wir haben gelernt, dass wir jede Mannschaft schlagen können, wenn wir die richtige Einstellung haben.“

Brands Bilanz fiel ebenfalls positiv aus. Das Traineridol bescheinigte seiner neu formierten Mannschaft ein „gutes, teilweise sensationelles Auftreten“. In der Tat überraschten viele junge Profis bei ihren WM-Debüts, etwa der Großwallstädter Michael Müller, der erst seit eineinhalb Jahren in der Bundesliga spielt. Als herausragend darf man die Entwicklung des Lemgoers Martin Strobel bezeichnen, der den verletzten Klubkollegen Michael Kraus in den letzten zwei Spielen gegen Norwegen und Dänemark vertrat. Aber auch Kreisläufer Sebastian Preiß, der lange im Schatten des großen Christian Schwarzer gestanden hatte, machte große Fortschritte.

Bei allem Optimismus für die folgenden Turniere, der EM 2010 in Österreich und der WM 2011 in Schweden, mahnte Brand dennoch. Man müsse Geduld mit den Spielern haben. Viele Spieler der sogenannten „Goldenen Generation“, die zwischen 2002 und 2004 vier Mal in ein Finale vorstießen, hätten erst im hohen Alter die erste Medaille gewonnen. „Dafür haben einige Spieler wie Volker Zerbe lange arbeiten müssen.“

Der Handball-Missionar Brand verband die Bilanz mit einem weiteren Appell. Die WM habe gezeigt, dass ein großes Potenzial im Handballsport stecke, so der Gummersbacher, nun müsse aber auch jeder bereit sein, etwas für den Handballsport zu tun. „Auch die Schwenkers und Holperts sind gefragt“, sagte Brand und forderte damit die Klubmanager des THW Kiel oder der SG Flensburg-Handewitt erneut öffentlich dazu auf, sich vermehrt der Jugendarbeit zu widmen. „Alle müssen sich engagieren, damit wir wieder eine Supermacht werden.“ Andernfalls sei der hohe Stellenwert des deutschen Handballs, der sich durch gute TV-Quoten äußerte, nicht zu halten. Die Partie gegen Dänemark hatten in der Spitze über zehn Millionen Zuschauer verfolgt, was einem Marktanteil von gut 36 Prozent entspricht.

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