Handball in Island : Kleine Insel, großer Sport

Island hat nur 316 000 Einwohner, aber fast so viele gute Handballer wie Deutschland. Wie kommt das?

Erik Eggers
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Der große Wurf. Olafur Stefansson stand mit Island im Finale des olympischen Turniers.Foto: AFP

Berlin - Fünf Jahre ist es her, dass Olafur Stefansson den SC Magdeburg in Richtung Spanien verlassen hat. Aber noch heute schwärmen die Fans dort vom Isländer, der 2002 maßgeblich zum Gewinn der Champions League beigetragen hatte. Er war Idol und Gesicht des Teams, hat damit jene Position ausgefüllt, die man nun bald auch bei den Füchsen Berlin besetzen möchte. Und auch dort sind Isländer im Gespräch – und nicht etwa deutsche Stars.

Wie kann es überhaupt sein, dass die Auswahl des Deutschen Handballbundes, der über 800.000 Mitglieder verfügt, bei Olympia in Peking in der Vorrunde ausscheidet, während dieses Volk von 316.000 Menschen so viele herausragende Handballer herausbringt – letztlich Silber gewinnt? Dass Profis wie Linksaußen Gudjon Valur Sigurdsson (Rhein Neckar-Löwen), Kreisläufer Robert Gunnarsson (VfL Gummersbach) oder der Lemgoer Rückraumspieler Logi Geirsson über Weltklasseformat verfügen? Und eben jener Olafur Stefansson, der sein Geld beim Champions-League-Sieger Ciudad Real verdient, im internationalen Handball als Ausnahmeerscheinung gilt?

Olympia-Silber in Peking war eine Sensation

Beim olympischen Turnier in Peking brach er nach dem Sieg der Isländer im Halbfinale immer wieder in Freudentränen aus. „Alle freuen sich mit uns“, sagte der 35-Jährige. „Alle haben zugeschaut. Und wir haben uns vorgestellt, dass alle 300.000 Isländer in diesem Stadion sitzen und mitfiebern.“ Sie hatten mit dem 36:30 gegen Spanien eine der größten Sensationen in der Handballgeschichte realisiert. Dass die Mannschaft von Gudmundur Gudmundsson zwei Tage später das Finale gegen Frankreich verlor, minderte die Freude keineswegs. Die Handballer wurden in Reykjavik begeistert empfangen, es war nur der Auftakt von tagelangen Feierlichkeiten.

Acht Monate Winter sind ein Vorteil

Den Isländern selbst geben die Erfolge im Handball selbst Rätsel auf. „Wir denken viel darüber nach, es gibt wohl viele Erklärungen“, sagt Alfred Gislason, der Trainer des THW Kiel. Einige Dinge liegen auf der Hand. „Erstens haben wir acht Monate Winter, ein großer Vorteil für den Hallensport“, sagt der 49-Jährige. Zudem hat Handball in Island einen historischen Vorsprung gegenüber anderen Teamsportarten. „Handball wurde bei uns vor dem Basketball populär, schon in den Sechzigerjahren.“ Und als die ersten isländischen Handballer als Profis in die europäischen Ligen gingen, unter ihnen Gislason, der in den Achtzigerjahren mit TuSEM Essen dreimal Deutscher Meister wurde, vergrößerte sich der Vorsprung noch. „Weil die meisten Profis, wieder zurückkommen, ist das Niveau auch im Training sehr hoch“, erklärt Gislason. Auch der gerade verpflichtete neue Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson sei dafür ein Beispiel: Nach vielen Jahren als Profi in Deutschland und Österreich kehrte er zurück nach Reykjavik und gab seine Erfahrungen weiter.

Kaum ein Jugendlicher versucht sich nicht im Handball

Ein weiterer Vorteil sei die „methodische Steuerung, die einfacher ist bei nur 40 Klubs auf der Insel“, meint Gislason. „Und es gibt eigentlich keinen Isländer, der als Jugendlicher nicht unser Handballsystem durchläuft.“ Fest steht für ihn, dass der isländische Handballboom weitergeht. In seiner nordisländischen Heimat Akureyri, berichtet Gislason, stürmten die Jugendlichen derzeit die Hallen. „Die Trainer wissen gar nicht, wie sie diesen Andrang bewerkstelligen sollen.“

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