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Handball-Nationalmannschaft : Dagur Sigurdsson wohl vor Wechsel nach Japan

Die deutschen Handballer müssen sich anscheinend einen neuen Bundestrainer suchen: Dagur Sigurdsson liebäugelt mit dem Job als Coach von Japans Nationalteam.

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Dagur Sigurdsson schmiedet Pläne.
Dagur Sigurdsson schmiedet Pläne.Foto: dpa

Die Sommerpause ist die einzige Phase des Jahres, in der Handball-Trainer richtig abschalten können. Ihre Sportart kennt einfach keine Winterpause – im Januar finden die großen Turniere statt – und der Kalender ist in den letzten Jahren auch immer erbarmungsloser geworden. Drei, vier Wochen Abstand, so ganz ohne Taktiktafel und Terminstress, tun da mal ganz gut.

Als Dagur Sigurdsson noch Trainer der Füchse Berlin war, hat der Isländer die kostbare Freizeit zwischen den Saisons trotzdem regelmäßig für Ausflüge ans andere Ende der Welt geopfert. Sigurdsson ist oft nach Hiroshima gereist, an seine alte Wirkungsstätte. Von 2000 bis 2003 hat der heutige Bundestrainer in Japan gespielt, und so richtig abgerissen ist der Kontakt über die Jahre nie. Sigurdsson gab Seminare und Trainingslager bei seinem alten Klub und rief ein Austausch-Programm ins Leben, das jungen Japanern ein Probetraining bei den Füchsen ermöglichte.

Sigurdsson ist großer Japan-Fan

Und er brachte stets ganz besondere Bewunderung für die Kultur und den Lebensstil des Landes zum Ausdruck. Unaufgeregt, extrem höflich, lernwillig. Sigurdsson ist, das kann man so sagen, großer Japan-Fan. Erst vor kurzem hat ein Gesandter des japanischen Nationalteams bei der deutschen Auswahl hospitiert. Der Vermittler? Natürlich Sigurdsson.

Angesichts der neuesten Spekulation zur Zukunft des 43-Jährigen sind diese Anekdoten sicher mehr als interessante Fußnoten. Wie die "Bild" am Dienstag berichtete, soll Sigurdsson von seiner Option Gebrauch machen, vorzeitig aus dem bis 2020 laufenden Vertrag mit dem Deutschen Handball-Bund (DHB) auszusteigen. Auf diese Klausel, die bis 31. Dezember Gültigkeit besitzt, hatten sich Verband und Trainer bei der Vorstellung im Oktober 2014 geeinigt. Weiter heißt es, der Isländer solle die japanische Nationalmannschaft übernehmen und auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorbereiten. Die Weltmeisterschaft in Frankreich im Januar wäre demnach das letzte Turnier unter der Verantwortung des – rein statistisch gesehen erfolgreichsten – Bundestrainers. Es wäre ein schmerzhafter Verlust für den deutschen Handball, den Sigurdsson mit dem EM-Sieg und Olympiabronze wieder erfolgreich und interessant gemacht hat.

Angeblich hat der Isländer noch nichts entschieden

Sigurdsson selbst schweigt beharrlich zu seiner Zukunft. Auch am Dienstagabend bei der Vorstellung seiner Autobiografie in Berlin betonte er, noch keine Entscheidung getroffen zu haben, trotz mehrerer charmanter Nachfragen. „Ich werde mich bis Ende November entscheiden“, sagte er. Der DHB dementierte am Dienstag ebenfalls etwaigen Vollzug. "Es ist falsch, dass schon feststeht, dass Dagur nach Japan geht", sagte Vizepräsident Bob Hanning, ein Vertrauter und Freund Sigurdssons aus gemeinsamen Zeiten bei den Füchsen Berlin. Hanning hat den Isländer vor drei Jahren gegen viele Widerstände zum Bundestrainer gemacht, die beiden kennen sich wirklich gut, und deshalb räumt der DHB-Vize zumindest ein, dass "eine Wahrscheinlichkeit nach Japan zu gehen da ist."

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Sigurdsson betont erneut: 'Es ist kein Vertrag unterschrieben'
Sigurdsson betont erneut: 'Es ist kein Vertrag unterschrieben'

In jedem Fall erscheint die Nachricht glaubwürdiger als die jüngsten und vom Boulevard befeuerten Spekulationen über Sigurdssons Zukunft. Zuletzt war sein Name mit dem europäischen Vereinsadel in Verbindung gebracht worden. Die schwerreichen Scheichs der Handball-Sektion Paris St. Germains sollen Interesse bekundet haben, ebenso der ungarische Mäzen-Klub Veszprem. Der naheliegende Gedankengang lautete: Wenn Sigurdsson aus einer Truppe von Nobodys Europameister machen kann, wie sähe das erst mit den luxuriösen Kadern dieser Klubs aus? Zumal die Vergütung sicher auch fürstlich ausgefallen wäre. Gegen diese Gerüchte spricht allerdings, dass Sigurdsson nach seinem Abschied bei den Füchsen Berlin immer wieder betont hat, künftig nicht mehr als Vereinstrainer arbeiten zu wollen.

"Japan ist kein Thema des Geldes"

"Wenn er nach Paris oder Veszprem gehen will, werde ich gemeinsam mit der Bundesliga um Dagur kämpfen", verspricht DHB-Vizepräsident Hanning, "wenn es aber um das Thema Lebensplanung gehe, kann ich nicht gewinnen. Japan ist kein Thema des Geldes." Genau darum scheint es Sigurdsson aber zu gehen. Dem Vernehmen nach plant der Bundestrainer, den Wohnsitz seiner Familie nach Jahren der Wanderschaft von Berlin zurück in die isländische Heimat zu verlegen. Dort könnte Sigurdsson dann den Großteil des Jahres verbringen und von Berufs wegen hin und wieder nach Japan fliegen, um seiner womöglich neuen, alten Mission nachzukommen: der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Nur eben nicht mit der deutschen Nationalmannschaft, die als Ziel vorab die Goldmedaille ausgegeben hat. Sondern mit der japanischen.

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