Handball-Nationalmannschaft : Nicht auf dem ganz falschen Weg

Nach zwei Siegen der deutschen Handballer mahnt Trainer Heiner Brand zur Ruhe – und träumt von olympischem Gold.

Erik Eggers[Halle/Westfalen]
Oliver Roggisch
Durchgesetzt. Nicht nur Oliver Roggisch (rechts) spielte gegen Russland überzeugend. -Foto: dpa

Natürlich, bestätigt Henning Fritz, alles habe schon ganz gut ausgesehen. Die Abwehr des Handball-Weltmeisters stand beispielsweise schon sehr gut in den beiden Partien gegen Russland, sowohl in Köln (32:25) als auch in Halle/Westfalen (32:27). Der deutsche Stammtorwart zeigte sich ebenfalls bereits in olympiareifer Form. Doch Fritz, der mit 233 Länderspielen routinierteste Akteur in der Mannschaft von Trainer Heiner Brand, will diese Testspiele nicht als Gradmesser nehmen. Auf die Spiele beim olympischen Handballturnier in Peking (9.-24. August) komme es an, auf die schweren Gruppenspiele, das Viertelfinale gegen einen starken Gegner. „Deshalb“, sagt Fritz „wollen wir das nicht überbewerten“.

Angesichts der ungünstig erscheinenden Ausgangsvoraussetzungen zeigte sich auch Heiner Brand zufrieden mit den zurückliegenden Wochen. Ob dies nun die richtige Form zur richtigen Zeit sei, das wisse er auch nicht, brummte der Bundestrainer an seinem 56. Geburtstag, den er vor rund 18 000 Zuschauern in Köln feierte. Aber er konstatierte doch „eine gewisse Steigerung“ in der Abwehr, im erweiterten Tempogegenstoß und auch im Positionsspiel. „Wir sind nicht auf dem ganz falschen Weg“, sagt Brand. Angesprochen auf die klare Ansage seines Torhüters („Ich will Gold“), sagt er: „Ich würde mich dagegen nicht wehren.“

Der plötzliche Ausfall von Regisseur und Kapitän Markus Baur konnte überraschenderweise sehr gut kompensiert werden. Baur-Ersatz Oliver Köhrmann (TV Großwallstadt) fühlt sich immer wohler im Team, er spielte frech und stellte nun auch seine Torgefährlichkeit unter Beweis. „Es macht richtig Spaß“, sagt der 31-Jährige nach seinem zwölften Länderspiel. Die Mannschaft habe ihm den Einstieg sehr erleichtert.

Auch andere Spieler nutzten ihre Chance. Beispielsweise Lars Kaufmann, der den verletzten Rückraumspieler Pascal Hens (Bauchmuskelzerrung) in den vier letzten Testspielen tadellos vertrat. „Er hat einen großen Schritt gemacht und eine sehr erfreuliche Entwicklung genommen“, lobte Brand.

Auch andere Bausteine der Mannschaft sind vielversprechend. Die Torhüter Fritz (Rhein Neckar-Löwen) und Johannes Bitter (HSV) scheinen gerüstet für das wichtigste Turnier des Welthandballs, ebenso der Mittelblock um Organisator Oliver Roggisch (Rhein Neckar-Löwen). Linkshänder Holger Glandorf (Nordhorn) scheint rechtzeitig seine WM-Form wiederzufinden, und auch Mittelmann Michael Kraus (Lemgo) gewinnt zunehmend Selbstvertrauen.

Derzeit stellen sich für Brand, den sonst vor großen Turnieren große Verletzungssorgen plagten, vor dem Abflug ins Trainingslager nach Zhuhai (nahe Hongkong) nur zwei Fragen: Ob der zuletzt geschonte Hens das Turnier durchhält und ob Linksaußen Torsten Jansen (beide HSV) seine Wadenverhärtung rechtzeitig auskurieren kann. „Derzeit gehe ich davon aus, dass ich auf beide zurückgreifen kann“, sagt Brand.

Im lange schwelenden Streit um die Schuhe der Spieler, die der Bundestrainer mit zunehmendem Ärger verfolgt hatte („Ich bin kein Schuhexperte“), ist zudem endlich ein Kompromiss gefunden worden. Nachdem Glandorf und Oliver Roggisch nun bereit waren, die Schuhe des neuen Ausrüster Adidas zu tragen, beharren nur noch Hens (Kempa), Bitter, Christian Schwarzer und Florian Kehrmann (alle Hummel) auf ihren Privatverträgen mit anderen Herstellern. „Damit können wir leben“, sagt Horst Bredemeier, der Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes (DHB). „Für die Zeit der Olympischen Spiele ist in diesem Bereich nun Ruhe.“ In den letzten Wochen hatten sich viele Spieler heftig über DHB-Boss Ulrich Strombach aufgeregt, der sein Versprechen, die Schuhe für den neuen Vertrag frei zu halten, nicht eingehalten hatte. Strombach habe das Thema unterschätzt, sagte Hummel-Chef Ingo Jost noch vor einer Woche. Nun soll den abtrünnigen Spielern nicht mehr, wie zunächst vom DHB angedroht, die Prämien gekürzt werden. Die Mission, die erste Goldmedaille seit 1980 (DDR) für Deutschland zu gewinnen, kann nun angegangen werden.

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