Handball : Niemals unschlagbar

Handball-Meister THW Kiel zeigt sich bei der Niederlage in Flensburg von seiner verwundbaren Seite. "Was weh tut, ist die Art und Weise, wie wir diese Punkte heute hergegeben haben", meinte Kiels Kapitän Stefan Lövgren.

Erik Eggers[Flensburg]
THW Kiel
Eingekeilt: Kiels Würfe (hier Nikola Karabatic) kamen in Flensburg nicht gut an. -Archivbild: ddp

Eine Übermannschaft sei der THW Kiel, unschlagbar. Ein Hochgeschwindigkeits-Roboter. Ein riesiges Monster, das alle vorgesetzten Gegner brutal verspeist, verdaut und wieder ausspuckt. Mit derlei Vergleichen wurde der Champions-League- Sieger, der sich noch wesentlich verstärkt hatte, vor der Saison nahezu überhäuft. „Das ist Unsinn“, hatte der erfahrene THW-Coach Svonimir Serdarusic dies stets gekontert. Und tatsächlich: Deutlich mit 32:37 (20:13)-Toren verlor der Rekordmeister das Derby bei der SG Flensburg-Handewitt, die damit den Erzrivalen als Tabellenführer in der Handball-Bundesliga ablöste. Serdarusic fühlte sich bestätigt: „Es hat in den letzten 100 Jahren kein Team gegeben, das nicht zu schlagen war – und es wird nie eines geben.“

Es war nicht die Niederlage an sich, die einige Kieler schockierte. „Was weh tut, ist die Art und Weise, wie wir diese Punkte heute hergegeben haben“, meinte THW-Kapitän Stefan Lövgren und bemühte ein martialisches, aber doch sehr passendes Bild: „Heute haben wir uns einfach selber in den Fuß geschossen.“ Der 36-jährige Schwede spielte auf den Einbruch seiner Mannschaft nach einer Viertelstunde an. Flensburg, begünstigt durch leichte Abspielfehler des Gegners, verwandelte da nämlich binnen neun Minuten ein 6:8 in ein 15:9 und brachte so die mit 6300 Zuschauern ohnehin schon brodelnde Campushalle fast zum Bersten. „Konfus“ fand das Kiels Manager Uwe Schwenker, Trainer Serdarusic nannte es gar kopflos. Von einem unerklärlichen Blackout sprach hinterher THW-Rückraumspieler Filip Jicha, der in der 29. Minute mit Verdacht auf einen Kreuzbandriss ausgeschieden war. „Wir sind in dieser Phase in Panik ausgebrochen“, analysierte Kiels Nikola Karabatic, der seinen Status als bester Handballer auf diesem Planeten mit zehn Toren untermauerte. Der Franzose zeigte sich dennoch keineswegs konsterniert: „Wir haben letztes Jahr hier verloren, vorletztes Jahr auch, und wurden trotzdem Meister.“

Kiel war geschwächt dadurch, nur zwei Linkshänder zur Verfügung zu haben. Bei Weltmeister Christian Zeitz ist die schwere Hüftverletzung, die auskuriert schien, wieder aufgetreten. Doch auch Flensburg hatte mit Olympiasieger Blazenko Lackovic und Frank von Behren auf zwei Schlüsselspieler verzichten müssen. Wirklich bedenklich war, dass der hoch motivierte Gastgeber sich in jeder Szene entschlossener in die Zweikämpfe stürzte und so zurecht die meisten Abpraller erbeutete. Wo Kiel lethargisch wirkte, fast handzahm, gebärdeten sich Flensburger entschlossen, teilweise sogar wild.

Warum der Gastgeber noch aggressiver und griffiger agierte als in anderen Derbys, das dennoch ausgesprochen fair blieb, erklärte der überragende Torwart Dan Beutler: „Ich habe meine Motivation allein daraus bezogen, dass Serdarusic vorher gesagt hat, wir seien keine Gegner“, sagte der Schwede, mokant lächelnd. Mit diesem Zitat hatte Manager Fynn Holpert den SG-Trainer Kent- Harry Andersson konfrontiert. Der hatte es, sich in seiner Ehre gekränkt fühlend, in der Teambesprechung genutzt, um seine Spieler noch mehr aufzustacheln.

Der psychologische Trick funktionierte – nur hatte Kiels Trainer Serdarusic diesen Satz nie geäußert, was die Kieler Verantwortlichen mächtig empörte. „Wenn Fynn das so gesagt hat, ist das niveaulos und billig“, schnaubte Uwe Schwenker, „das hätte ich ihm nicht zugetraut“. Sein Trainer, versicherte der Manager des THW Kiel, würde so etwas nie in den Raum stellen, zolle jedem Gegner den nötigen Respekt. Fynn Holpert, der im Sommer aus Lemgo kam, kostete indes euphorisch seinen ersten Derby-Sieg aus und verteidigte lächelnd seinen Psychotrick. „Das ist ein erlaubtes Stilmittel.“

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