Handball : "Olympia ist eine Chance"

Im Interview spricht Bundestrainer Armin Emrich über seine Handballerinnen. Seit 2005 trainiert er die Handball-Nationalmannschaft der Frauen.

Herr Emrich, die von Ihnen trainierten deutschen Handballerinnen haben sich für die Olympischen Spiele qualifiziert. Hatten Sie selbst damit gerechnet?

Es gab ja einen riesigen Erwartungsdruck: Alle haben gedacht, das Turnier in Leipzig wird ein Selbstläufer. Das war keine einfache Situation für meine Mannschaft, zumal die Gegner aus Schweden und Kroatien von vielen falsch eingeschätzt wurden.

Die spielerischen Leistungen bei den Siegen gegen Schweden (27:26) und gegen Kroatien (22:16) waren eher bescheiden.

Das sind reine Existenzspiele, da geht es nicht um spielerische Eleganz. Diese Einmaligkeit, dass man nur einmal in vier Jahren die Chance auf Olympia hat, macht einen angespannter.

War Ihr Team noch nervöser, weil diese olympische Erfahrung weitgehend fehlt?

Das ist möglich. Aus der Mannschaft war ja nur unsere Kapitänin Grit Jurack dabei, als wir 1996 in Atlanta das letzte Mal am olympischen Handballturnier teilgenommen haben, ich selbst war als Trainer der Schweizer Männer dabei. Da war schon ein riesiges Zeitloch.

Nach der WM im Dezember hatte Ihr Team drei Monate Pause. Wie sinnvoll ist es, ein solch wichtiges Qualifikationsturnier zu diesem Zeitpunkt anzusetzen?

Insgesamt ist der Wettkampfkalender auch bei den Frauen viel zu voll. Die Spielerinnen sind in vielen verschiedenen Ligen über ganz Europa verteilt. Es gibt keinen einheitlichen Spielplan, wir haben für die Nationalmannschaft kaum geblockte Zeiten.

Mit welchen Hoffnungen ist die Olympiateilnahme verbunden? Glauben Sie, dass der deutsche Frauenhandball endlich aus dem Schatten der Männer treten kann?

Der Stellenwert des Frauenhandballs hat sich schon entscheidend geändert. Wenn wir die Entwicklung der letzten drei Jahre sehen – den sechsten Platz bei der WM in Russland, den vierten Platz bei der EM, Bronze bei der letzten WM – haben wir uns klasse entwickelt. Nun sind die Olympischen Spiele eine weitere große Chance, ich gehe davon aus, dass wir uns positiv präsentieren und noch mehr Fans gewinnen können.

Streben Sie nach WM-Bronze jetzt auch eine Olympiamedaille an?

Davon rede ich nicht, so kurz nach dem Gewinn des Olympiatickets. Die WM war sicher ein sehr gutes Turnier. Aber wir neigen aufgrund der Arithmetik der letzten Turniere immer zur sportlichen Arroganz. Wenn ich sehe, dass die Ungarinnen bei der letzten WM durchrutschen auf Platz sieben, dass Vize-Weltmeister Rumänien bei der EM nicht dabei war, dass der Olympiasieger Dänemark gar nicht für Peking qualifiziert ist, dann zeigt das, wie unheimlich eng es in der Weltspitze zugeht.

Inwieweit hat Sie die Debatte um einen möglichen Olympiaboykott beschäftigt?

Ich habe das natürlich wahrgenommen. In der Mannschaft aber war das bisher kein Thema, weil wir nur auf die Qualifikation fokussiert waren. Für mich persönlich ist klar: Den Sport für die Politik zu instrumentalisieren, bringt gar nichts. So habe ich das damals beim Olympiaboykott 1980 als aktiver Sportler jedenfalls wahrgenommen.

Das Gespräch führte Erik Eggers.

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