Handball : Trainer im Spiel

Weltmeister, Europameister, Olympiazweiter - Markus Baur hat im Handball fast alles erreicht. Bei der Europameisterschaft ist er wieder deutscher Kapitän – obwohl er in keinem Verein mehr aktiv ist.

Hartmut Moheit
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Markus Baur setzt in der Handball-Nationalmannschaft auf dem Spielfeld das um, was Bundestrainer Heiner Brand von außen angewiesen...Foto: ddp

Berlin - Einem Vorurteil wollte Markus Baur sofort begegnen. Als der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft gefragt wurde, ob er zuletzt als Spielertrainer bei Pfadi Winterthur nicht weniger trainiert hätte, antwortete der 36-Jährige: „Eher das Gegenteil ist der Fall, auch in der Schweiz wird guter Handball gespielt.“ Das Thema Fitness hatte sich damit schnell geklärt. Für Weltmeister-Trainer Heiner Brand war es ohnehin klar, dass er seinen „Bundestrainer auf dem Parkett“ – wie er ihn bezeichnet – bedenkenlos für die heute in Norwegen beginnende Europameisterschaft nominieren konnte.

Die erste Partie in Bergen gegen Weißrussland (heute, 17.05 Uhr in ZDF) steht unmittelbar bevor. Es ist bereits das 221. Länderspiel für Baur, und doch ist diesmal für den Routinier fünf Tage vor seinem Geburtstag etwas Wesentliches anders. „Ich werde in der freien EM-Zeit an den Trainingsplänen für die zweite Halbserie in der Bundesliga arbeiten“, kündigte er vor der Abreise an. Nach einem halben Jahr in der Schweiz ist Markus Baur seit Jahresbeginn offiziell Trainer des TBV Lemgo – und nicht mehr als Spieler oder Spielertrainer aktiv. Daniel Stephan, einst Welthandballer des Jahres, in der Nationalmannschaft zehn Jahre lang an der Seite von Baur und nunmehr Sportlicher Leiter beim TBV, sieht darin kein Problem. „Sieben Lemgoer gehören ja zum deutschen EM-Team, und die anderen Spieler zu Hause werden eben bis Anfang Februar von Kotrainer Jürgen Franke betreut“, berichtet Stephan, der Baur als besonnen und ruhig beschreibt sowie dessen „fachliches Wissen und taktisches Geschick“ hervorhebt. Also jene Qualitäten, die für den Bundestrainer maßgebend sind. So ist für Brand mit Blick auf Olympia im August auch nicht entscheidend, dass Markus Baur nach dem Titelkampf in Norwegen selbst in keinem Vereinsteam mehr spielen wird. „An mangelnder Fitness wird es Markus bestimmt nicht fehlen. Wenn sich ein Spieler aus dem Team verletzt und länger ausfällt, dann gebe ich ihm ja auch die Chance, sich für einen Höhepunkt zu qualifizieren“, sagte Brand vor der EM und ergänzte schmunzelnd: „Ich gehe mal davon aus, dass er zu Beginn der Olympiavorbereitung körperlich nicht bei null anfängt.“

Warum der Bundestrainer so große Stücke auf Markus Baur hält, liegt in dessen Spielweise begründet, die so sehr in die deutsche Nationalmannschaft passt. Das Team ist im vergangenen Januar gerade deshalb Weltmeister geworden, weil es die Spiele auch als eine Einheit bestritten hat. Baur beschrieb das an seiner Person: „Auf meiner Position im mittleren Aufbau hat international längst eine Veränderung eingesetzt, vermehrt kommen da richtige Shooter zum Einsatz. Ich zähle mich zu den wenigen, die verstanden haben, wie das Spiel funktioniert. Ich glaube, mit einem richtigen Shooter auf dieser Position ist es schwerer, ein gebundenes Spiel aufzuziehen.“ Baur nannte Frankreich als Beispiel dafür. Der EM-Titelverteidiger sei „auf fast jeder Position besser besetzt als wir“. Frankreich habe aber keinen, der Spiele gut leiten könne. Sein Fazit lautete deshalb: „Hätte es so einen Spieler, wäre das Team kaum zu besiegen.“ Baurs Analyse beinhaltete nicht, dass er es in seiner Auswahlkarriere bis zur EM immerhin schon auf 684 Tore gebracht hat. Auch wenn die meisten davon Siebenmeter waren, so sichere Werfer von der Linie vor dem Strafraum wie ihn hat ebenfalls nicht jede Mannschaft der Weltspitze.

Der besondere Stellenwert von Markus Baur hat auch eine psychologische Komponente. Er ist nicht nur die allseits akzeptierte Vertrauensperson, auch der Erfolg scheint mit Baur garantiert zu sein. Er war dabei, als Deutschland 2007 Weltmeister und 2004 Europameister wurde, zweite Plätze bei Olympia 2004 sowie der WM 2003 und der EM 2002 belegte. Als aber das Team von Heiner Brand bei der WM 2005 und der EM 2006 medaillenlos blieb, hatte er wegen Verletzungen gefehlt. Das ist ein gutes Omen. Auch ein Konflikt zwischen Baur und Brand scheint sich nicht anzubahnen. Baurs Frau erwartet ihr drittes Kind. „Bei der Geburt will ich dabei sein“, kündigte der Kapitän deswegen an. Brand erlaubte ihm, einen Tag später anzureisen. Der errechnete Termin ist aber erst der 11. Februar, dann ist Baur längst Trainer in Lemgo.

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