Handball : Trotzreaktion nach dem Schock

Handball-Star Pascal Hens fällt fünf Monate aus. Seine Mannschaftkameraden schlagen die starken Ägypter und kämpfen nun gegen Russland um den Einzug ins Viertelfinale.

Erik Eggers[Peking]
Schwarzer
Durchbruch. Christian Schwarzer leidet und wirft.Foto: AFP

Diese Steilvorlage ließ sich Heiner Brand nicht entgehen. Gefragt nach der Leistung seines Spielers Pascal Hens, antwortete der Bundestrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft lakonisch: „Fehlerfrei." Und dann fügte er hinzu, dass er hoffe, es gehe Hens gut.

Dabei hatte Hens ja tragischerweise gar nicht mitgespielt beim 25:23 (14:14)-Sieg gegen den starken Afrikameister Ägypten. Der Hamburger Rückraumstar, einer der besten Halblinken der Welt, ist längst nach Hause geflogen, um seinen Bruch am Schienbeinplateau auszuheilen – das dauert mindestens fünf Monate, so die erschütternde Nachricht.

Gleichzeitig jedoch demonstrierte der Brandsche Gag nach der dritten Vorrundenpartie des olympischen Turniers von Peking dies:
Dass sich die Stimmung, die nach der Niederlage gegen Island noch im Keller war, trotz des Schocks wieder gebessert hat.

"Wir sind noch enger zusammengerutscht"

Es ist wieder Angriffslust da. „Jetzt sind wir im Turnier", sagte Torwart Johannes Bitter, der mit seinen exzellenten 25 Paraden maßgeblich zur guten Ausgangslage (4:2-Punkte) beitrug. Ein Sieg im nächsten Spiel am Samstag (9.45 Uhr deutscher Zeit) gegen Rekord-Olympiasieger Russland, und der Einzug in das Viertelfinale wäre perfekt. Der 2,04 Meter große Bitter sprach von einer Trotzreaktion. „Wir sind einfach noch enger zusammengerutscht."

Weltmeister Deutschland will sich mit aller Macht gegen das notorische Verletzungspech im Rückraum stemmen, wo neben Hens auch Oleg Velyky (Kreuzbandriss), Lars Kaufmann (Muskelfaserriss) und Markus Baur (Rücktritt) ausfallen. Aber Brand, der erfahrene Coach, traut dem Braten nicht recht. „Es ist zu früh, um von einem Befreiungsschlag zu sprechen. Aber wir haben uns gute Chancen auf das Viertelfinale erhalten und das ist ein gutes Gefühl", sagte der 56-jährige Gummersbacher im Olympic Sports Center Gymnasium.

Sieg trotz Fehlerquoten-Festivals

Zu fragil ist es noch, dieses sensible Gebilde, das die Mannschaft des Erfolgstrainers darstellt. Zwar zeigte sich der Olympia-Zweite von Athen 2004 nicht mehr so brüchig wie noch gegen Island. Gegen Ägypten liefen die deutschen Spielzüge, die der Großwallstädter Oliver Köhrmann ansagte, deutlich flüssiger, sie erreichten zumeist einen freien Mann. Aber der verschoss dann regelmäßig: Torsten Jansen (HSV), Michael Kraus (TBV Lemgo) und Christian Schwarzer (Rhein-Neckar Löwen) vergaben selbst die klarste Chancen. Einem Fehlquoten-Festival, dem Brand am Rande ziemlich fassungslos zusah.

„Vielleicht hängt das mit der neuen Situation zusammen", mutmaßte Brand, der vor allem mit Spielmacher Köhrmann („Er hat das Spiel gut geführt") und dem siebenfachen Schützen Holger Glandorf („Er war stark und stabil") zufrieden. Und natürlich mit dem starken Bitter, der zum richtigen Zeitpunkt da war: „Ich habe ihm gesagt, dass ein guter Torwart die wichtigen Bälle am Ende hält." Und dennoch bleibt die Mannschaft zerbrechlich, sie kann trotz vorbildlicher kämpferischer Einstellung gar nicht den gefestigten Charakter des letzten Jahres aufweisen. Dafür ist die Substanz und die internationale Erfahrung auf der halblinken Königsposition und im Aufbau, wo Brand mit Köhrmann, Michael Kraus und dem nachnominierten Sven-Sören Christophersen (HSG Wetzlar) nur drei Profis zur Verfügung hat, schlichtweg zu gering.

Dieses Turnier, das gestern mit der 21:22-Niederlage Islands gegen Südkorea die nächste Überraschung erlebte, entwickelt sich so schon früher als erwartet zu dem prophezeiten Ritt auf der Rasierklinge; eine Niederlage gegen Russland, und der Weltmeister müsste im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark um das Viertelfinale fighten. Spätestens dort wartet dann auf das deutsche Team mit Olympiasieger Kroatien, Vize-Weltmeister Polen, Spanien oder Topfavorit Frankreich der wahre Härtetest.

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