Handball : Unsicherer Weltmeister

Bei den Handballern herrscht Ratlosigkeit. Nach dem 24:24 gegen Russland weiß keiner so Recht, wozu der Punkt gut ist. Eins gibt zu denken: Das Ausscheiden des Weltmeisters Deutschland ist möglich.

Erik Eggers[Peking]
Peking 2008 - Handball
Hmmmm. Und nun? Handball-Bundestrainer Heiner Brand.Foto: dpa

Als ihr schweres Tagwerk hinter ihnen lag, suchten die deutschen Handballer ein wenig Zerstreuung. Sie besuchten die Basketballer, ihre Zimmernachbarn aus dem olympischen Dorf, um Nowitzki & Co. im Match gegen China zu unterstützen (und verlieren und ausscheiden zu sehen). Wer weiß, womöglich grübelte manch ein Handballprofi da immer noch darüber nach, weshalb sie am Nachmittag den Viertelfinaleinzug noch nicht perfekt gemacht hatten.

Es hatte Ratlosigkeit geherrscht nach dem 24:24 (10:11)-Remis gegen Rekordolympiasieger Russland. „Keiner weiß, wozu dieser Punkt am Ende gut ist", brachte Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel) die seltsame Stimmung auf den Punkt. „Man darf nicht rechnen".

Jetzt gegen Europameister Dänemark

Aber genau das muss der Weltmeister bei nun 5:3-Punkten und dem verbleibenden Gruppenspiel am Montag gegen Europameister Dänemark (19 Uhr, ZDF): Immer noch ist die Sensation möglich: Das Ausscheiden des Weltmeister aus dem olympischen Turnier, bevor am Mittwoch die K.-o.-Spiele der letzten acht Teams beginnen.

18 Sekunden waren noch zu spielen im Olympic Sports Center Gymnasium, als die Mannschaft von Heiner Brand den letzten Angriff gegen die kampfstarken Russen einleitete, 18 Sekunden, in denen Klarheit geschaffen werden konnte. Aber Holger Glandorf konnte nur durchbrechen, seinen Wurf wehrte Russlands Keeper Oleg Grams zur Ecke. Und auch die vage Möglichkeit, die sich Florian Kehrmann noch eröffnete, brachte nichts mehr ein – es blieb bei diesem Remis, das im Grunde keinem weiterhalf.

Schwache Würfe, viele Fehler

Die Gründe für diesen Punktverlust lagen auf der Hand: „Wir haben einfach zu viele Schwankungen im Spiel", meinte Abwehrchef Oliver Roggisch (Rhein Neckar Löwen), der nach zwei frühen Zeitstrafen eine Rote Karte noch verhindern konnte. Sie hatten wieder gekämpft, um jeden Ball gerungen, aber viel zu viele Fehler produziert, ein Manko war erneut die schwache Wurfausbeute, speziell in der ersten Hälfte. „In der Summe tun diese vielen kleinen Fehler sehr weh", sagte der Bundestrainer sichtlich geknickt.

Der Substanzverlust, der nach dem Ausfall des vierten Rückraumspielers Pascal Hens (HSV) befürchtet worden war, scheint nun einzutreten. „Natürlich lassen die Kräfte allmählich nach", räumte Michael Kraus ein, der Hens-Ersatz auf der halblinken Königsposition, der mit sechs Treffern erneut bester deutscher Schütze war.

Brand hatte kurzzeitig versucht, Kraus durch den nachnominierten Wetzlarer Sven-Sören Christophersen zu ersetzen, aber ohne sichtbaren Erfolg. „Wir haben einfach nicht diese Alternativen im Rückraum, die nötig wären", sgte Christian Schwarzer. „Das ist nicht ganz einfach für die Leute", sagte Brand, nahm damit den stark beanspruchten Kraus in Schutz und haderte mit der aktuellen Konstellation: „Man muss das Gesamtsystem sehen. Der Rückraum ist nun einmal das Herz einer Handballmannschaft." Und an diesem Herz krankt es derzeit.

Zurück zur Form - und zum Trotz

Andererseits schimmerte in anderen Mannschaftsteilen Hoffnung: Die Flügelspieler Torsten Jansen (HSV) und Florian Kehrmann (TBV Lemgo) knüpfen allmählich an ihre große Form der vergangenen Jahre an. Auch die Abwehr erinnerte in einigen Phasen an die alte Mannschaft der WM 2007. An der vorbildlichen Einstellung in kämpferischer Hinsicht gibt es ohnehin nicht zu kritteln.

Bleibt das, was diese Mannschaft schon oft nach vorne gepeitscht: Diese unerhörte Trotzreaktion. „Wir gewinnen gegen Dänemark und kommen ins Viertelfinale, und gegen wen wir da spielen, ist sowieso egal", sagte Kehrmann mit entschlossenem Blick. Kraus blies ebenfalls zur Attacke: „Wir werden hier noch weiter kommen, als viele das erwarten."

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