Handball-Wachablösung? : Hamburg lässt Druck ab

Leitet der dramatische Triumph des Hamburger SV im Pokal die Wachablösung im deutschen Handball ein? Der Respekt vor dem Titelvielfraß THW Kiel bleibt trotzdem groß.

Erik Eggers
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Titel-Fontäne. Die Handballer des HSV Hamburg begießen nach ihrem 34:33-Sieg über die Rhein-Neckar Löwen ihren zweiten Pokalsieg...dpa

Noch am Ende der ersten Halbzeit hätte sich Johannes Bitter am liebsten verkrochen. Bis dahin hatte der ehrgeizige Torwart des HSV Handball kaum einen Ball angefasst im Finale des DHB-Pokals, sein Team lag zurück, Bitter schrie seinen Frust heraus. Rund eine Stunde später konnten die über 13 000 Zuschauer in der Hamburger Großarena eine wundersame Verwandlung bestaunen. Nun hüpfte der Nationaltorwart wild durch die Menge. In der Verlängerung eines dramatischen Endspiels hatte er sein Tor förmlich vernagelt und so dem HSV zum 34:33 (33:30, 30:30, 15:15)-Sieg gegen die Rhein-Neckar Löwen und zum zweiten Pokalsieg nach 2006 verholfen. „Ich bin so glücklich, ich habe einfach versucht, alles aus der ersten Halbzeit wegzuschieben und neu anzufangen“, freute sich der 27-Jährige, nachdem er den Pokal gestemmt hatte. „Für mich war es das fünfte Mal bei einem Final Four, jetzt habe ich den Pokal endlich gewonnen.“

Während der HSV den Triumph auskostete, schauten die Badener fassungslos zu. Sie hatten lange dagegengehalten, waren ebenbürtig und hatten zwei Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit durch Uwe Gensheimer spektakulär die Verlängerung erzwungen. Und auch den Drei-Tore-Rückstand hatten sie in der zweiten Halbzeit der Verlängerung wieder aufgeholt. Doch den entscheidenden Treffer des Rückraum-Linkshänders Krzysztof Lijewski (neun Tore), der neben Linksaußen Torsten Jansen (sieben Treffer) überragte, vermochten sie nicht mehr zu kontern. Nach dem Finale, das alles bot, was den modernen Handballsport ausmacht, haderte Löwen-Manager Thorsten Storm mit der Leistung des Schiedsrichter-Duos Holger Fleisch/Jürgen Rieber. „Unsere Spieler fühlen sich verpfiffen, darüber bin ich sehr traurig.“

Während die Löwen also weiter auf den ersten nationalen Titel warten, nimmt der Pokalsieg den größten Druck von den Hanseaten. „Es war schwer für uns heute. Die Medien haben enormen Druck aufgebaut, nachdem der THW Kiel schon im Viertelfinale ausgeschieden war“, bekannte Nationalspieler Pascal Hens. In den letzten Tagen hatte Klubpräsident Andreas Rudolph, der rund 15 Millionen Euro in den Klub gepumpt hat, zudem deutlich gemacht, dass er von seiner Mannschaft nichts anderes als Titel fordert. „Wir alle wissen, dass wir Titel holen müssen, aber es gehört einfach auch Glück dazu, und das hatten wir heute“, sagte Bitter.

Die obligatorische Frage, ob dieser Pokalsieg nun die angestrebte Ablösung des THW Kiel an der Spitze des deutschen Handballs einleitet, beantworteten Spieler und Trainer trotz aller Euphorie defensiv. „Das hier war der Pokal und nicht die Meisterschaft oder die Champions League“, erklärte HSV-Coach Martin Schwalb. Immerhin: „Vielleicht ist es für die Jungs so schöner, bereits eine Goldmedaille in der Tasche zu haben.“ Natürlich hofft er, dass noch weitere hinzukommen.

Auf diesem Weg stehen nun wegweisende Duelle an. Im Champions-League-Viertelfinale treffen die Hanseaten mit Ciudad Real auf den spanischen Titelverteidiger. Und in der Meisterschaft geht es für den HSV, der an der Tabellenspitze noch einen Minuspunkt weniger aufzuweisen hat; am 22. Mai ins entscheidende Heimspiel gegen den THW Kiel. Der Respekt vor dem Gegner ist dabei ziemlich groß in Hamburg. Zu oft schon haben die Titelvielfraße aus Kiel die großen Ambitionen ihrer Verfolger zerstört.

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