Handball-WM : Dagur Sigurdsson: Meister der Unberechenbarkeit

Bundestrainer Sigurdsson lässt zum WM-Start der deutschen Handballer drei personelle Optionen offen. Auch Holger Glandorf könnte noch wichtig werden.

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Passionierter Frühaufsteher. Sigurdsson schläft bei großen Turnieren wenig.
Passionierter Frühaufsteher. Sigurdsson schläft bei großen Turnieren wenig.Foto: dpa

Bei seiner letzten Weltmeisterschaft als Handball-Bundestrainer bleibt sich Dagur Sigurdsson treu. Zwar hat der Isländer angekündigt, dass nur sehr wenige taktische Systeme von 2016 auch den Sprung ins neue Jahr schaffen werden, abgesehen davon macht Sigurdsson allerdings das, was er immer gemacht hat: Im Sinne der Unberechenbarkeit hält er sich alle Optionen offen. So hat der Bundestrainer bei der technischen Besprechung am Donnerstag, einen Tag nach der Ankunft der deutschen Delegation im französischen Rouen, nur 15 statt der möglichen 16 Spieler nominiert, die im Turnierverlauf eingreifen können. Dank des sogenannten „Late Entry“ sind damit nicht nur zwei, sondern drei nachträgliche Wechsel möglich. „Wir wissen aus Erfahrung, dass Verletzungen jedes Team erwischen können“, sagt Sigurdsson, „so haben wir mehr Möglichkeiten, falls wirklich etwas passiert.“ Änderungen muss der Bundestrainer bis spätestens neun Uhr morgens am jeweiligen Spieltag an den Weltverband IHF gemeldet werden, aber das ist für den Frühaufsteher Sigurdsson ohnehin kein Problem, zumal seine Nachtruhe bei großen Turnieren erfahrungsgemäß kürzer ausfällt als sonst.

Am Donnerstag in der Frühe hat ihn eine aus deutscher Sicht überaus positive Nachricht erreicht, nämlich die, dass Kapitän Uwe Gensheimer einen Tag vor dem ersten Gruppenspiel gegen Ungarn am Freitag (17.45 Uhr, Livestream bei handball.dkb.de) zur Nationalmannschaft zurückkehrt. Gemeinsam mit Teammanager Oliver Roggisch machte sich Gensheimer auf den Weg von Mannheim nach Frankreich. Nach dem überraschenden Tod seines Vaters hatte der Angestellte von Paris St. Germain und einzige deutsche Frankreich-Legionär ein paar Tage in seiner Heimatstadt bei der Familie verbracht, ehe er sich zu einer Entscheidung durchrang. „Ich werde die Weltmeisterschaft spielen, das hätte mein Vater so gewollt“, sagt Gensheimer. Zumindest für den Kapitän ist die Vorbereitung so oder so gestört, zumal er in der kommenden Woche noch einmal für ein paar Tage nach Deutschland reisen wird, sobald der Termin der Beerdigung feststeht. „Uwe ist ein sehr wichtiger Spieler für uns, deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe, ihn gut in Empfang zu nehmen“, sagt Sigurdsson. „Ich hoffe, dass er sich auf die WM konzentrieren kann, aber so, wie ich ihn kenne, wird er das schaffen.“

Holger Glandorf, Weltmeister von 2007, sitzt abrufbereit daheim in Flensburg

Bei allem Optimismus in Mannschaft und Trainerstab gibt es aber auch einige Baustellen im Team. Nach den Ausfällen von Fabian Wiede und Vize-Kapitän Steffen Weinhold ist die Position im rechten Rückraum nominell mit nur einem Spieler besetzt, mit Kai Häfner. „Das kann ein Problem werden, sofern er ausfällt“, sagt Sigurdsson, „aber wir sind bereit, diesen Weg zu gehen.“ Falls die deutsche Mannschaft dabei auf Abwege geraten sollte, hat der Bundestrainer schon entsprechende Präventiv-Maßnahmen getroffen: Holger Glandorf, Weltmeister von 2007, sitzt abrufbereit daheim in Flensburg und würde gegebenenfalls für Häfner einspringen und nach Frankreich nachreisen. Gegen Ungarn am Freitag wird Häfner de facto in der Startformation stehen.

„Das ist ein sehr unangenehmer Gegner, der im Moment richtig stark drauf und eingespielt ist“, sagt Co-Trainer Axel Kromer, der die Videoanalyse wie gewohnt mit Co-Trainer-Kollege Alexander Haase und eben Sigurdsson übernommen hat. „Wir müssen uns auf ein flexibles System einstellen und mit allem rechnen“, ergänzt Kromer. Andererseits zeichnet eine gewisse Unvorhersehbarkeit auch das deutsche Team aus. Auf die Frage, ob seine Auswahl neben der üblichen 6-0-Abwehrformation eine zweite Variante einstudiert habe, entgegnete Sigurdsson mit einem souveränen Kopfnicken, gepaart mit feinstem Berliner Dialekt, den er sich in sechs Jahren als Trainer der Füchse angeeignet hat: „Hamwa drauf. Wir wissen, dass wir gut sind.“ Noch so ein echter Sigurdsson.

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