Handball-WM : Deutschland müht sich zu 26:24 gegen Tunesien

Weltmeister Deutschland wahrt durch den hart erkämpften Sieg gegen Tunesien die Chancen auf das Halbfinale. Bei einer Niederlage hätte sogar das Vorrunden-Aus gedroht. Torhüter Carsten Lichtlein, Torjäger Pascal Hens und der wieder genesene Spielmacher Michael Kraus sicherten dem Brand-Team den Sieg.

Erik Eggers[Varazdin]
Handball WM - Deutschland - Russland 26:26
Mit aller Macht. Holger Glandorf (am Ball) und Sebastian Preiß im Spiel gegen Tunesien.Foto: dpa

Sie alle reckten die Fäuste in die Höhe, es war geschafft. Doch die Gesten der deutschen Handballer wirkten wenig triumphal. Sie verrieten eher große Erleichterung, der eine oder andere Profi holte tief Luft nach dieser Nervenschlacht: Die deutsche Nationalmannschaft hatte beim 26:24 (12:12)-Sieg gegen Tunesien lange Zeit in den Abgrund geblickt. Bei einer Niederlage vor 3000 Zuschauern in Varazdin hätte sogar das Scheitern in der Vorrunde der 21. Weltmeisterschaft gedroht. Mit dem ersten Sieg im zweiten Spiel aber wahrte der Weltmeister alle Chancen auf das Halbfinale. „Wir wussten, dass es schwer wird. Wir haben anfangs zu viele Fehler gemacht und waren zu unbeweglich. Und es gab einige unglückliche Entscheidungen“, sagte Bundestrainer Heiner Brand, der wegen Reklamierens die Gelbe Karte gesehen hatte. „Aber ich habe der Mannschaft gesagt, sie solle die Ruhe bewahren.“

Deutschland lag schnell 2:7 zurück

Bester Torschütze war erneut der Hamburger Pascal Hens (sechs Tore), aber erst die Paraden von Carsten Lichtlein und Rückkehrer Michael Kraus (beide Lemgo), der zum WM-Auftakt wegen einer Wadenverletzung gefehlt hatte, hatten das Team in der ersten Halbzeit wieder ins Spiel gebracht. „Wenn nicht jeder seinen Kopf durchsetzen will, dann können wir richtig guten Handball spielen“, sagte Kraus. „Ich bin hochzufrieden mit den beiden Punkten. Das war eine gute Erfahrung für die jungen Spieler“, sagte auch Heiner Brand. „Jetzt haben wir den Grundstein für das Erreichen der Hauptrunde gelegt.“ Am Montag liegt mit Algerien (17.30 Uhr, live bei RTL) eine Pflichtaufgabe vor dem Titelverteidiger.

Kraus war wieder dabei und brachte die Wende

Gegen den WM-Vierten von 2005 lief zunächst alles schief, was schief laufen konnte. Erneut war der Lemgoer Martin Strobel mit der Aufgabe, die deutsche Offensive zu ordnen, zunächst überfordert. Doch auch die deutsche 6:0-Deckung ließ sich von den Tunesiern oft überrumpeln. Beim 2:7 (10. Minute) drohte ein historisches Debakel. Doch der Weltmeister von 2007 kämpfte und kam zurück in dem Moment, als Kraus ins Geschehen eingriff. Er verwarf zwar zunächst einen Strafwurf, doch nun agierte die Offensive geordneter, klarer. „Ich spürte noch etwas Dumpfes, aber die Wade hält. Ich habe jetzt ein gutes Gefühl.“, berichtete Kraus hinterher. Wunderdinge solle man von ihm nicht erwarten, hatte der Bundestrainer zuvor gewarnt: „Ich wusste aber, dass ich ihm im Notfall bringen konnte.“ Der Spielmacher erzielte mit dem 10:10 (24.) den ersten Ausgleich. Hinzu kam die grandiose Leistung von Torwart Lichtlein, der den glücklosen Johannes Bitter (HSV) nach elf Minuten abgelöst hatte; Lichtlein parierte bis zur Pause (12:12) insgesamt acht von zwölf Bällen – ein Weltklassewert. „Dass es so gut gelaufen ist, war sehr erfreulich“, sagte Lichtlein hinterher in aller Bescheidenheit.

In der zweiten Halbzeit zeigte sich dennoch das große Manko des deutschen Spiels: Die Offensive ist zu sehr auf Hens angewiesen. Zudem weist der Hamburger wegen seiner langen Verletzungspause noch Defizite im konditionellen Bereich auf, was seine Fehlwurfquote erhöht. Bis zum 22:22 (53.) konnten die aggressiven Tunesier daher mithalten. Dann jedoch machte sich die erneute Hereinnahme von Kraus (52.) bezahlt: Er setzte nun auch Holger Glandorf (vier Tore) ein, der mit brachialen Würfen erfolgreich war, und Deutschland zog davon. Als der gute Kreisläufer Sebastian Preiß in der 57. Minute zum 26:23 traf, war die hektische Partie entschieden.

Der verletzte Christian Sprenger ist nach Hause geflogen

Im ersten Spiel hatte der Titelverteidiger, noch ohne Kraus, gegen Russland einen unnötigen Punktverlust hinnehmen müssen. Wie nach dem 24:24 bei Olympia in Peking könnte das Unentschieden am Ende zu wenig sein, so waren zunächst die schlimmsten Befürchtungen. Vor allem über das unsaubere Spiel des Rekord- Olympiasiegers und den Ausfall des Magdeburgers Christian Sprenger hatte Brand geklagt: Nach der Diagnose Innenbandriss im rechten Knie flog der Rechtsaußen, der nicht einmal aufs Tor geworfen hatte, bereits am Sonntag nach Hause.

„Ich kann mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, wenn man das ganze Spiel dominiert hat“, hatte Brand nach dem WM-Auftakt am Samstag noch gesagt. Während er da seine Enttäuschung zum Ausdruck brachte, zogen seine Spielern ein insgesamt positives Fazit: „Wir haben einen guten Auftakt gefunden, auch wenn es weh tut, dass wir nicht beide Punkte mitgenommen haben“, sagte beispielsweise Torwart Bitter. Wie schwer der Punktverlust tatsächlich wiegt, werden allerdings erst die nächsten Partien zeigen.

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