Handball-WM : Katar: Aufstieg zur Großmacht?

Sportereignisse wie die Handball-WM sind ein Teil der „Vision 2030“, die Katars Aufstieg zur Großmacht vorsieht. Beobachtungen aus Doha.

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Aus dem Boden gestampft. Eine Handball-Skulptur vor der Haupthalle der WM in Doha, Stadtteil Lusail.
Aus dem Boden gestampft. Eine Handball-Skulptur vor der Haupthalle der WM in Doha, Stadtteil Lusail.Foto: Imago

Tanzende und singende Kinder gehen natürlich immer, allein schon aus Gründen der Niedlichkeit. Und nach deren Auftritt werfen zwei Katarer in Dischdascha öffentlichkeitswirksam ein paar Siebenmeter. Dabei vermitteln die beiden Herren in ihren traditionellen Gewändern nicht den Eindruck, als hätten sie dieses seltsame Ding namens Handball schon einmal in den Händen gehalten. Für Freunde des Effekts haben die Organisatoren der Weltmeisterschaft außerdem Armbändchen auf jedem Platz verteilen lassen, die bei der Vorstellung der Teilnehmer in den jeweiligen Nationalfarben blinken. 90 Minuten und Dutzende Einlagen später richtet schließlich Scheich Tamim bin Hamad al Thani das Wort an die internationalen Gäste und sein Volk. Obwohl es der katarische Emir nicht für nötig erachtet, sich aus seinem majestätischen Stuhl zu erheben, wird es bei seiner Ansprache zum zweiten Mal an diesem Abend richtig laut in der Lusail-Mehrzweckhalle. Zuvor hat bereits Joaan bin Hamad al Thani, der Bruder des Emirs und Chef des WM-Organisationskomitees, ein paar Sätze ins Mikrofon gesprochen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Die am Donnerstag eröffnete Handball-Weltmeisterschaft ist nicht das erste sportliche Großevent, mit dem die katarische Herrscherfamilie den Ruhm und das Ansehen des pro Kopf reichsten Landes der Welt zu mehren versucht – und es wird auch nicht das letzte bleiben. Angefangen hat alles mit der Ausrichtung der Asienspiele 2006 in Doha. Es folgten 2011 die Asienmeisterschaft im Fußball und im Dezember 2014 die Kurzbahn-WM im Schwimmen. Der Terminkalender für die nächsten Jahre ist schon jetzt so vollgepackt wie in keinem anderen Staat. 2016 findet die WM im Straßenradsport statt, 2018 ermitteln die Turner in dem Emirat am Persischen Golf ihre Sieger, 2019 schauen die weltbesten Leichtathleten vorbei und 2022 steigt schließlich die Fußball-WM. Darüber hinaus haben sich in der Hauptstadt Doha zahlreiche Wettkämpfe etabliert, die sich Jahr für Jahr wiederholen: die Qatar Open zum Beispiel, ein hoch dotiertes Tennisturnier. Oder das Qatar Masters, ein Golfturnier der europäischen PGA-Tour, das am nächsten Mittwoch beginnt. Oder. Oder. Oder.

Bis 2030 soll sich das Land in allen bedeutsamen Bereichen verbessern

Die Handball-WM ist der nächste Probelauf für das, was noch kommt und womöglich noch kommen wird. Im Grunde denken die Entscheidungsträger nämlich schon einen Schritt weiter: Als Emir Hamad bin Chalifa al Thani – Ehemann dreier Frauen, Vater von 27 Kindern und bis 2013 katarisches Staatsoberhaupt – vor eineinhalb Jahren von seinem Amt zurücktrat und an seinen Sohn Tamim bin Hamad al Thani übergab, betraute er diesen mit einer großen Aufgabe: der sogenannten „Vision 2030“. Unter dem Titel „Pillars of Qatar“ (die Säulen Katars) soll sich das Land bis 2030 in allen bedeutsamen Bereichen verbessern und idealerweise weltweit führend sein: ökonomisch, ökologisch, gesellschaftlich. Perspektivisches Ziel nach der Fußball-WM bleibt die Austragung Olympischer Spiele. Für 2016 und 2020 hat Doha bereits um die Sommerspiele gebuhlt. Allerdings wurde die Stadt „aus technischen Gründen“ nicht vom Internationalen Olympischen Komitee in den Kandidatenkreis erhoben – weil die Temperaturen für Athleten und Zuschauern in den Sommermonaten schlichtweg unzumutbar sind. Dann steigt das Thermometer auch mal weit über 50 Grad Celsius und in klimatisierten Häusern beschlagen die Fensterscheiben von außen.

All diese Hindernisse, gepaart mit fehlender Tradition in den meisten Sportarten, haben bereits für reichlich Unmut bei den katarischen Mitbewerbern gesorgt. In der höchsten Handball-Liga des Landes spielen zum Beispiel gerade einmal vier Mannschaften – trotzdem erhielt der Golfstaat vom Weltverband IHF den Zuschlag für das Turnier. Norwegen, Polen und Frankreich, allesamt Länder mit großer Handball-Tradition und starken Nationalmannschaften, gingen leer aus.

Der öffentliche Aufschrei war allerdings nicht ansatzweise so groß wie bei der Doppelvergabe der Fußball-WM vor gut vier Jahren. Katar erhielt das Turnier 2022 zugesprochen, der älteste Fußballverband der Welt, die englische FA, bewarb sich vergeblich für 2018. Seitdem sind sie auf der Insel gar nicht mehr gut zu sprechen auf den Weltverband Fifa und auf Katar. Und nicht nur da.

Immer wieder werden Vorwürfe laut, die Herrscherfamilie habe mit ihren durch Öl- und Erdgasgeschäfte erworbenen Milliarden kräftig bei den Abstimmungsverfahren nachgeholfen. „Das Einzige, was die haben, ist Geld“, schimpfte Spaniens Leichtathletik-Verbandschef Jose Maria Odriozola nach der Entscheidung gegen Spanien und für Katar. „Ich bin angepisst. Ich denke nicht daran, dorthin zu fahren.“ So oder so ähnlich hört sich das auch bei deutschen Sportfunktionären an. In seiner Funktion als Präsident der Europäischen Fußballklub-Vereinigung ECA kritisierte etwa Karl-Heinz Rummenigge die WM-Vergabe 2022 und forderte ein Mitspracherecht der großen europäischen Klubs ein. Wenig später später ließ sich der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München bei einer Sicherheitskontrolle am Flughafen mit zwei unverzollten Luxusuhren erwischen, die er von einer Dienstreise aus Katar mitgebracht hatte. Das brachte ihm eine Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro ein.

Große Teile der Sportwelt sind in einem moralischen Dilemma was den Katar betrifft

Der Fall Rummenigge illustriert das Dilemma, in dem sich große Teile der Sportwelt befinden. Einerseits machen die Beteiligten kein großes Geheimnis aus ihren überschaubaren Sympathiewerten für den Wüstenstaat. Und dessen Ruf, der nicht erst gelitten hat seit dem Tod zahlreicher Gastarbeiter auf den Baustellen – rein zufällig enthüllt von britischen Journalisten. Anderseits fahren viele Klubs gerade in den Wintermonaten gern in die Golfregion, weil sie dort ideale Bedingungen vorfinden: mildes Klima, hochmoderne Anlagen und Dutzende Luxushotels. Der FC Bayern zum Beispiel hat sich gerade zum fünften Mal in Folge in Katar auf die Bundesliga-Rückrunde vorbereitet, und die Münchner befinden sich damit in illustrer Gesellschaft.

Parallel zu den Bayern hatten sich auch Schalke 04, Zenit St. Petersburg und Ajax Amsterdam in der „Aspire Academy for Sports Excellence“ eingebucht. Das gigantische Areal verfügt über neun Fußballplätze und den womöglich besten Rasen der Welt und beheimatet in der unmittelbaren Nachbarschaft eines der modernsten sportmedizinischen Institute weltweit. Spezialgebiet: Knieverletzungen. Didier Drogba und Yaya Touré haben dort im Sommer für eine finale Untersuchung vorbeigeschaut, bevor sie mit der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste zur WM nach Brasilien flogen. Auch andere Weltstars legen sich in Doha regelmäßig unter das von Spezialisten geführte Messer.

Für Anfang Februar hat sich zudem der FC Barcelona in der Sport-Akademie angemeldet. Wie eng die Katalanen mittlerweile mit Katar verbandelt sind, zeigt sich auch auf dem blau-rot-goldenen Trikot des Traditionsklubs: Lange Jahre lief Barça ohne Sponsor auf der Brust herum und machte aus karitativen Zwecken höchstens für das Kinderhilfswerk Unicef eine Ausnahme. Mittlerweile ist die größte katarische Fluggesellschaft Trikotsponsor. Beim Eröffnungsspiel der Handball-WM schlenderte Barcelonas ehemaliger und Bayerns Münchens aktueller Trainer Pep Guardiola mit einem Dutzend Scheichs durch die Vip-Bereiche der Halle in Lusail. Im Herbst seiner aktiven Karriere, von 2003 bis 2005, ließ sich Guardiola seine fußballerischen Fähigkeiten beim Al-Ahli Sports Club in Doha veredeln.

Katars Machthaber haben ihre Netze nach Größen des Sports bereits vor Jahren ausgeworfen – und profitieren mittlerweile davon. Zur Siegerehrung des Tennis-Turniers haben sie kürzlich mal eben David Beckham einfliegen lassen.

Der unfassbare Pomp, die Großbaustellen, die Verhältnisse im Allgemeinen – das alles ist auch an Deutschlands Handballern nicht einfach so vorbeigegangen, die am Freitag mit einem Sieg gegen Polen in die WM gestartet sind. „Was hier entstanden ist und entsteht, ist wirklich unfassbar“, sagt Oliver Roggisch, der deutsche Team-Manager. „Das muss man gesehen haben, um es glauben zu können.“ Dabei ist der 36-Jährige, zu aktiven Zeiten gefürchteter Abwehrspieler und 205-facher Nationalspieler, ordentlich rumgekommen in seiner Karriere.

Oliver Roggisch wirft einen Blick aus dem Fenster des Luxushotels in Doha, das die deutsche Mannschaft beheimatet. Er schaut auf die protzige Skyline aus bestimmt 30 futuristischen Hochhäusern, die in den vergangen zehn Jahren entstanden ist. Bei zehn großen Turnieren hat Roggisch gespielt, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Olympische Spiele. „Aber so etwas wie hier“, sagt er, „habe ich noch nicht erlebt.“

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