Handball-WM : Moralische Stütze

Am Samstag beginnt für Titelverteidiger Deutschland die Handball-WM – zunächst ohne den dringend benötigten Regisseur Michael Kraus.

Erik Eggers
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Mit Übersicht. So zeigt sich Michael Kraus, wenn er unverletzt spielen kann. Foto: dpa

Berlin - Er sei eine Wunderwaffe. So jedenfalls bezeichnet Markus Baur, der ehemalige Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft, seinen Nachfolger Michael Kraus. Ein sehr martialischer Begriff: Bekanntlich nutzte ihn das NS-Regime, um der deutschen Bevölkerung zu suggerieren, mit einer solchen Waffe doch noch den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Nun war die deutsche Sportsprache auch schon vor der NS-Zeit mit militärischem Vokabular durchsetzt, und natürlich will Baur damit nur ausdrücken, dass der 25 Jahre alte Michael Kraus über ein geradezu sensationelles Potenzial verfügt: „Von der Klasse und von seinen individuellen Möglichkeiten her ist er unglaublich gut“, sagt Baur, der Kraus nun seit einem Jahr beim TBV Lemgo trainiert.

Selbstverständlich ist der Gerühmte, wie Baur Mitglied des Weltmeisterteams von 2007, eine Stammkraft in der Mannschaft von Bundestrainer Heiner Brand. „Er gehört zu meinen wichtigsten Stützen“, sagt der 56-jährige Gummersbacher. Das Problem ist nur, dass sich Kraus nun verletzt hat. Beim letzten Testspiel gegen Spanien (17:28) hat Kraus einen Stich in der Wade gespürt, ein kleiner Muskelfaserriss wurde diagnostiziert. Jedenfalls ist eher unwahrscheinlich, dass Brand seinen Regisseur am Samstag (17.30 Uhr, live bei RTL) beim deutschen Auftaktspiel der 21. Weltmeisterschaft gegen Russland einsetzen kann.

„Er wird von Dr. Bertold Hallmaier behandelt, so gut es geht“, sagt der Delegationsleiter der Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB), Horst Bredemeier. Und dass Kraus’ Einsatz in dieser Partie eine Gratwanderung für alle Beteiligten darstellen würde: „Einerseits brauchen wir ihn in diesem Schlüsselspiel“, erklärt Bredemeier, „aber sein Einsatz würde auch ein gewisses Risiko darstellen.“ Wohl auch deshalb hat sich Bundestrainer Heiner Brand bereits ziemlich festgelegt: „Die ersten WM-Spiele plane ich ohne ihn.“ Kraus versucht unterdessen, für das Team wenigstens eine moralische Stütze zu sein: „Wir fahren nicht zur WM, um Spiele zu verlieren. Wir wollen jedes Spiel gewinnen. Wir haben eine sehr gute Mannschaft“

Ungewöhnlich ist seine Verletzung nicht. Kraus hatte sich nämlich im Herbst einen Muskelriss im Oberschenkel zugezogen, und da er zum Auftakt der deutschen Vorbereitungsphase darüber klagte, die handballspezifischen Bewegungen nicht schmerzfrei absolvieren zu können, hatte er erst am 7. Januar im Abschiedsspiel für Markus Baur sein Comeback auf dem Spielfeld gegeben. Es passiert schließlich nicht selten, dass nach auskurierter Verletzung eine neue aufbricht: Um ganz sicherzugehen, dass die alte Verletzung nicht aufbricht, belastet mancher Athlet seinen Körper beim Comeback anders, zudem muss er erst wieder Muskelmasse aufbauen. Dass Kraus noch nicht in Bestform ist,sei vor diesem Hintergrund logisch, meinte Brand. Jedenfalls stand schon vor der Wiederkehr von Kraus in Zweifel, ob er ein solch schweres Turnier wie die WM körperlich durchhalten kann: Maximal muss der Titelverteidiger in 16 Tagen zehn Partien bestreiten, ein ausgesprochen hartes Programm. Kaum auszuhalten für jemanden, der die obligatorische Vorbereitung nur eingeschränkt bewältigen kann.

Brand braucht Kraus unbedingt, so viel steht fest. Seine Explosivität und sein ungewöhnlich schneller Armzug beim Wurf sind einmalig im Welthandball. Kein anderer deutscher Mittelmann weist die Klasse auf, um das Positionsspiel des Weltmeisters auf dem notwendigen Niveau zu lenken. Martin Strobel, Kraus’ Mannschaftskollege beim TBV Lemgo, ist zwar ein großes Talent; wie Kraus spielt der 22-Jährige einen schnellen Ball, zudem ist er torgefährlich. Doch es ist völlig unklar, wie Strobel sich bei einem großen Turnier in stressigen Lagen verhält. Speziell im Spiel gegen offensive Deckungsreihen, welche die Räume der deutschen Stars auf der Halbposition, Pascal Hens und Holger Glandorf, einengen sollen, sind zusätzlich Ruhe und Übersicht gefragt, und eine gewisse Routine. Und die besitzt auf dieser Position nach dem Rücktritt Baurs derzeit nur einer: Michael Kraus.

Kein Wunder, dass sich die Miene von Bundestrainer Brand in den letzten Tagen noch weiter verdunkelt hat: „Dass sich Michael Kraus verletzt hat und zunächst ausfallen wird, macht die ohnehin schwierige Aufgabe nicht leichter“, sagt er. „Es wird ein ganz hartes Turnier für uns.“

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