Handball-WM : Olympia im Sinn

Titelverteidiger Deutschland bereitet sich beim WM-Turnier auf London 2012 vor. Zu den Favoriten auf den WM-Titel zählen die deutschen Handballer nicht.

Erik Eggers
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Es gibt noch Optimisten. Deutschland reise sicher nicht als Favorit zur Handball-Weltmeisterschaft nach Kroatien, die am Freitag mit der Partie der Gastgeber gegen Südkorea beginnt (20.30 Uhr, live im DSF). Das weiß auch Stefan Kretzschmar. Der Sportdirektor des SC Magdeburg nennt, wie so viele Experten, hier zuerst Kroatien und Olympiasieger Frankreich. „Aber ich traue unserer Mannschaft durchaus zu, den Titel zu verteidigen – wenn alles gut läuft“, sagt der 218-malige Nationalspieler. Weltmeister Markus Baur, als Fernsehexperte für RTL am Ort der Geschehnisse, ist ebenfalls zuversichtlich. „Viele sehen die Sache zu schwarz“, sagt der Trainer des TBV Lemgo. Doch nach Meinung der meisten Fachleute steuert der Titelverteidiger auf düstere Zeiten zu.

Deutschland habe eine starke erste Sieben, findet der Trainer des Europameisters Dänemark, Ulrik Wilbek. „Aber für eine Medaille braucht man 16, vielleicht sogar 18 gleichwertige Spieler.“ Und über diese qualitative Breite verfügt Bundestrainer Heiner Brand, der auf die baldige Genesung seines Regisseurs Michael Kraus (Muskelfaserriss) hofft, derzeit nicht. Der 56-jährige Gummersbacher prognostiziert für sein Team „ein schweres Turnier“.

Die Geschichte spricht gegen Deutschland. Als Rumänien das letzte Mal eine Titelverteidigung gelang (1974 in der DDR), befand sich der Hallenhandball in einer Art spieltaktischen Steinzeit – zuletzt hatte Kroatien 2005 die Chance, dieses Kunststück zu vollenden, scheiterte aber in Tunis im Finale klar an Spanien. Die Unterschiede zwischen den Teilnehmer sind immer geringer geworden. Es sind Kleinigkeiten, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Oft beeinflusst Erfahrung diese Details – auch das spricht gegen das deutsche Team. Vier Deutsche spielen ihr erstes großes internationales Turnier. Brand sagt, er habe keine Wahl. Er müsse ein Team aufbauen, „das noch bei Olympia 2012 spielen kann“.

Diese WM ist daher ein Turnier des Übergangs. Auch andere Mannschaften nutzen den Auftakt der neuen olympischen Periode, um den Neuaufbau für das olympische Turnier 2012 anzugehen. So fehlen beim ersten deutschen Gegner Russland (Samstag, 17.30 Uhr, live bei RTL) zwei der wichtigsten Köpfe der vergangenen Jahre: Eduard Kokscharow, einer der besten Linksaußen der Handballgeschichte, hat seinen Rücktritt erklärt. Rechtsaußen Denis Kriwoschlykow wurde nicht mehr nominiert – damit verfügt das Team über keinen aktiven Weltmeister des Jahres 1997 mehr. Noch stärker wiegt, dass die russische Trainer-Legende Wladimir Maximow zum zweiten Mal demissionierte. Beim ersten Mal nahm es keinen guten Ausgang für die Russen, deren Team sich aus 18 Profis des Meisters Medwedi Tschechow rekrutiert: 2005 in Tunesien schied die Sbornaja bereits in der Hauptrunde aus.

In fast allen Teams fehlen Schlüsselspieler. Allein Europameister Dänemark kann aus dem Vollen schöpfen. Vizeweltmeister Polen, der letzte deutsche Vorrundengegner in Varazdin, muss ohne seinen Regisseur Grzegorz Tkaczyk auskommen, der sich auf seinen Klub Rhein-Neckar Löwen konzentrieren will. Kroatien läuft ohne Rechtsaußen Mirza Dzomba auf, der stets die Seele des Teams verkörperte. Olympiasieger Frankreich muss auf seinen stärksten Abwehrspieler Bertrand Gille verzichten, der Kreisläufer vom HSV Hamburg benötigt eine Pause. Spanien baut mit einem neuen Nationaltrainer ebenfalls um, Schwedens Auswahl schließlich ist blutjung. Die meisten Konkurrenten also starten ebenfalls mit ungewisser Prognose in dieses Turnier. Vieles deutet daraufhin, dass die 21. WM als ein Turnier der Überraschungen in die Geschichte eingehen wird.

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