Handball-WM : Plötzlich im Spotlight

Der deutsche Torhüter Carsten Lichtlein war sechs Jahre lang unbeachtet. Jetzt spielt er eine wichtige Rolle.

Erik Eggers[Varazdin]

Vor vier Jahren gab der Deutsche Handballbund Listen mit den Namen aller Nationalspieler herum, um die Interviewtermine während der WM in Tunesien zu koordinieren. Die gefragtesten Gesprächspartner waren Torsten Jansen, Michael Kraus und Christian Zeitz. Doch es gab auch einen Handballprofi, mit dem niemand ein Wort wechseln wollte. Sein Name: Carsten Lichtlein. Irgendwann rief Pressechef Charly Hühnergarth den Mitarbeiter einer Fachzeitschrift an und flehte: „Bitte, du musst mit ihm reden, damit er nicht so verloren wirkt.“ So bekam auch Lichtlein sein Interview.

„In Tunesien war ich noch nicht so weit“, sagt Lichtlein über diese Zeit. Er kann lächeln über dieses Thema, denn vier Jahre später, bei der Weltmeisterschaft in Kroatien, steht er plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der 28-Jährige vom TBV Lemgo hatte den Titelverteidiger schon am Sonntag, beim holprigen Start gegen Tunesien, „mit seinen Paraden vor dem Untergang bewahrt“. So sah es nicht nur Lemgos Sportdirektor Daniel Stephan. Am Donnerstag nun hütete er zur Überraschung aller von Beginn an das Tor gegen den Vize-Weltmeister Polen, und er zahlte das Vertrauen zurück: Er brachte die polnischen Stars aus dem Rückraum zur Verzweiflung, ließ in der ersten Hälfte nur vier Feldtore zu, und als der hohe deutsche 30:23-Sieg feststand, wurde Lichtlein als „Man of the match“ geehrt. Zu Recht: Er hatte 45 Prozent aller Würfe entschärft, ein Weltklassewert. Alle Kollegen kamen und gratulierten, und Lichtlein strahlte.

„Polen war mit das entscheidende Spiel“, sagt Lichtlein. Und natürlich wittert auch er nun, da die deutsche Mannschaft mit einem Polster von 4:0 Punkten in die heute beginnende Hauptrunde startet, die Halbfinalchance. Er sieht den Aufgaben am Samstag gegen Serbien, am Sonntag gegen Norwegen und am Dienstag gegen Europameister Dänemark optimistisch entgegen.

Seit der WM 2003 ist Carsten Lichtlein bei der Nationalmannschaft dabei. Damals wurde er Vize-Weltmeister, weil Bundestrainer Heiner Brand ihn vor dem Finale nachnominiert hatte. Gespielt hatte er keine Minute. Bei der EM 2004 in Slowenien saß er auf der Tribüne, er schaute auch zu bei den Olympischen Spielen 2004, bei der EM 2006 und bei der EM 2008. Bei der WM 2007 nominierte Brand ihn für die Hauptrunde nach, sortierte ihn aber vor dem Viertelfinale wieder aus. Zumindest darf sich Lichtlein offiziell Weltmeister nennen.

Vor Olympia 2008 in Peking war Lichtlein schon so frustriert, dass er „nicht einmal alle deutschen Spiele gesehen“ hat, doch nie murrte er, wenn Brand ihm wieder die ewig gleiche Nachricht überbrachte. Er trainierte einfach weiter, immer weiter. „Ich bin mit diesen Situationen klargekommen, aber es war natürlich nicht einfach“, sagt er. „Jetzt bin ich froh, endlich diese Spiele zu spielen.“ Lichtlein ist aber auch gezwungen, seine Chance zu nutzen, auf die er so lange gewartet hat. Denn hinter ihm steht mit dem künftigen Berliner Silvio Heinevetter ein großes Talent bereit. Heinevetter bekleidet nun die Rolle Lichtleins. Er ist dritter Torwart, schaut immer nur zu und wird selten zu Interviews gebeten. Aber auch er weiß, dass seine Chance irgendwann kommen wird. In der Hauptrunde wird er für den verletzten Christian Sprenger immerhin wohl auch offiziell in den Kader rücken.

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