Sport : Handball-WM: Russland? "Mal was anderes"

Jan Kiel

Nach der Niederlage gegen Frankreich im WM-Viertelfinale konnte den deutschen Handball-Bundestrainer Heiner Brand am Donnerstagabend so schnell nichts mehr schocken. Auch nicht die Nachricht vom ersten Gegner in der Play-off- Runde um die Plätze fünf bis acht: Russland. "Mal was anderes", kommentierte Brand lapidar die Sensation dieser Weltmeisterschaft. Denn der aktuelle Olympiasieger war in der Runde der letzten Acht mit 19:21 gegen Ägypten ausgeschieden.

Angesichts dieses Ausgangs des anderen Viertelfinals schmerzte das knappe 23:26 nach Verlängerung gegen den hoch favorisierten Gastgeber Frankreich umso mehr. Mit dem vermeintlichen Außenseiter Ägypten als Halbfinalgegner wäre die Chance groß gewesen, sogar ins Endspiel einzuziehen. Zwar hatte Brands Team bei Olympia 2000 in der Vorrunde gegen die Nordafrikaner verloren, in der Platzierungsrunde hatte es die Kräfteverhältnisse jedoch mit einem standesgemäßen 24:18 zurechtgerückt.

Auch wenn aus diesen Spekulationen nun nichts mehr wird, zog der Bundestrainer insgesamt ein positives Fazit: "Ich kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Es war erstaunlich, dass wir überhaupt mithalten konnten mit den Spitzenteams." Denn nach den Spielen von Sydney hatte Brand auf Grund von Verletzungen und Rücktritten eine neue, jüngere Mannschaft formieren müssen.

Dafür erhielt er nun Anerkennung vom Kieler Heinz Jacobsen, dem Chef der deutschen Handballliga: "Die Bundesligisten können mit dem Auftreten der Nationalmannschaft hier sehr zufrieden sein." Auch DHB-Präsident Ulrich Strombach (Gummersbach) lobte: "Diese Mannschaft hat unsere Unterstützung auch in Zukunft verdient." Die bestreitet sie wahrscheinlich weiterhin unter Heiner Brand. Der Bundestrainer signalisierte gestern die Bereitschaft, seinen 2002 auslaufenden Vertrag bis zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen zu verlängern.

Die deutschen Spieler haderten nach der Niederlage mit der Leistung der Unparteiischen. "In der entscheidenden Phase der Verlängerung haben sie uns drei Bälle geklaut", schimpfte Spielmacher Markus Baur. "Das waren drei Fehlentscheidungen innerhalb von nur zwei Minuten." Schon während der regulären Spielzeit waren die beiden Schweden Hansson und Olsson mit den deutschen Defensivspielern härter ins Gericht gegangen als mit den "sehr rustikal" (Brand) verteidigenden Franzosen. Im ersten Durchgang gab es zwei Phasen, die die Deutschen wegen Zeitstrafen mit nur vier Feldspielern überstehen mussten. Erst in der zweiten Halbzeit übernahmen sie das Kommando, machten aus einem 8:11 binnen sieben Minuten ein 13:12. Als Kreisläufer Christian Schwarzer (Barcelona) dann 14 Sekunden vor Schluss zum 22:21 traf, "da dachte ich schon, wir hätten gewonnen", gab Heiner Brand später zu. Aber der ehemalige Großwallstädter Jackson Richardson erzwang drei Sekunden vor Abpfiff die Verlängerung, was selbst Frankreichs Trainer Daniel Costantini als "ein Wunder" empfand. Nach dem Spiel gestand er:. "Wir hatten heute Glück, sehr viel Glück."

Genau das fehlte den deutschen Handballern zuletzt bei großen Turnieren in entscheidenden Momenten. Bereits die Viertelfinals bei der WM 1999 gegen Jugoslawien (21:22) und bei Olympia 2000 gegen Spanien (26:27) waren wegen eines Gegentreffers in den letzten Sekunden verloren gegangen. "Wir müssten auch mal so ein Glück haben wie unsere Fußballer", sagte der Flensburger Thomas Knorr, der gegen Frankreich mit sechs Treffern die meisten Tore im DHB-Team erzielt hatte.

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