Handball-WM : Slapstick der Ahnungslosen

Die deutschen Handballer gehen bei der WM gegen Titelverteidiger Frankreich mit 23:30 unter. Bundestrainer Heiner Brand gerät vor dem entscheidenden Spiel gegen Tunesien unter Druck.

Erik Eggers
Du kommst hier nicht durch. Holger Glandorf wird von Nikola Karabatic (links) und Bertrand Gille aufgehalten. Foto: dpa
Du kommst hier nicht durch. Holger Glandorf wird von Nikola Karabatic (links) und Bertrand Gille aufgehalten. Foto: dpaFoto: dpa

Niemand versuchte, die Blamage schön zu reden. „Es hat teilweise schlimm ausgesehen“, sagte der Kapitän der Handball-Nationalmannschaft, Pascal Hens, mit hohlen Wangen nach der herben 23:30 (10:13)-Niederlage gegen Frankreich. Eine Lektion hatte ihnen der Titelverteidiger bei dieser WM in Schweden erteilt, eine Lehrstunde modernen Handballs. „Mit der ersten Halbzeit kann ich noch leben. Mit der zweiten Halbzeit bin ich mehr als enttäuscht“, kommentierte Bundestrainer Heiner Brand die 60 Minuten, die als Schmach von Kristianstad in die deutsche Handballgeschichte Eingang finden dürften.

Es war noch eine weitaus höhere Niederlage möglich, doch die Franzosen ließen am Ende noch ein paar Korrekturen zu. Wie kläglich die Deutschen nach der Pause agierten, das brachte Bertrand Gille, der französische Kreisläufer, auf den Punkt: „Sie waren ahnungslos. Das zu sehen, war ein geiles Gefühl.“ Brand kritisierte hinterher die Einstellung seines Teams. „Man kann sich nicht so hängen lassen“, sagte der 58-Jährige. „Die Franzosen waren uns körperlich total überlegen.“ Michael Haaß klagte: „Da bringt jeder Einzelne 20 Kilogramm mehr auf die Waage.“

Der Olympiasieger aus Frankreich ist das stärkste Team der Welt, trotzdem dürfte die deprimierende Art und Weise der zweiten Vorrundenniederlage Kritik am Bundestrainer hervorrufen. Dass die Beziehung zu Schlüsselspielern wie Michael Kraus nicht die beste ist, ist schließlich bekannt. Kapitän Hens wollte darüber nicht nachdenken. „Heiner ist für mich unantastbar“, sagte der 30-Jährige. Man müsse sich jetzt auf das letzte Vorrundenspiel heute gegen Tunesien (18.15 Uhr, live im ZDF) konzentrieren, um das nun drohende Vorrunden-Aus zu verhindern.

Die letzte Pflichtspielniederlage haben die Franzosen vor zwei Jahren kassiert, bei der WM in Kroatien. Entsprechend tritt die Mannschaft in Schweden auf. Selbstbewusst, souverän, ruhig und mit einem Anflug von Arroganz begannen sie den Klassiker gegen Deutschland, den sie bei der EM 2010 in Innsbruck zuletzt mit 24:22-Toren gewonnen hatten.

Anfangs kamen die Deutschen mit ihren Angriffskonzepten durch und führten bald 4:2 – Kreisläufer Sebastian Preiß hatte sich bis dahin bereits dreimal gegen Torhüter Thierry Omeyer durchgesetzt. Die Deutschen hätten in dieser Phase, da Torwart Silvio Heinevetter von den Füchsen Berlin alles hielt, durchaus höher führen können, doch Michael Kraus scheiterte bis zur 20. Minute allein fünf Mal am reaktionsschnellen Omeyer. Beim Stand von 7:6 für Deutschland erhöhten die Franzosen in der Abwehr das Tempo, die deutsche Offensive brach zusammen. Nach einem 1:7-Lauf hatten die Franzosen beim Stand von 7:13 eine Vorentscheidung herbeigeführt.

Trotz des noch erträglichen Pausenstands von 10:13 schienen die deutschen Spieler zu ahnen, welches Unheil ihnen drohte. Die Franzosen erkannten, wie dünn das deutsche Nervenkostüm war und machten kurzen Prozess mit dem Erzrivalen, der im Angriff nun hilflos agierte. „Es wirkte, als wisse der eine nicht, was der andere macht“, sagte Haaß. „Wir konnten einfach unsere Angriffskonzepte nicht mehr durchsetzen“, sagte Preiß. So war das Spiel bereits nach 43 Minuten entschieden, als ein Geschoss von Nikola Karabatic zum 12:20 einschlug.

Es gab nun Szenen, die einer deutschen Nationalmannschaft nicht würdig sind. Symptomatisch die Szene in der 47. Minute, als Hens trotz Überzahl ein Stürmerfoul unterlief – nach einer Fehlpass-Serie, die den Charakter einer Slapstick-Einlage hatte. Dann leistete sich Haaß ein übles Foul gegen Karabatic, das nur mit einer Zeitstrafe geahndet wurde. Brands Team hinterließ gestern auf der Bühne des Welthandballs wahrlich kein schönes Bild.

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