Handballregeln : Wie Eiskunstlaufen auf Parkett

Die prekären Situationen sind oft gar nicht so leicht zu durchschauen. Füchse-Coach Jörn-Uwe Lommel vor dem Spiel gegen Kiel über Handballregeln und Referees.

Handball
Foul oder nicht? Füchse-Spieler Caillat (r.) im harten Ligaalltag. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Freitag treten die Füchse Berlin in der Handball-Bundesliga gegen den Rekordmeister THW Kiel an (17 Uhr, Arena am Ostbahnhof). Die Bestechungsaffäre um den Berliner Gegner hat Diskussionen um die Regeln und die Macht der Schiedsrichter ausgelöst. Füchse-Trainer Jörn-Uwe Lommel erklärt die prekärsten Situationen:





Die Schiedsrichter sind entscheidend in einem Handballspiel. Manchmal fühlt man sich ihnen ausgeliefert, wenn zentrale Dinge ständig gegen das eigene Team gepfiffen werden. Man kann mit dem Regelwerk aber sehr präzise pfeifen, wenn man sich detailliert vorbereitet und eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit hat. Und wenn man vor allem in zentralen Bereichen wie Körperkontakt eine klare Linie vorgibt und durchhält. Einige Punkte müssen aber noch klarer geregelt werden.

Fouls

Handball ist die einzige Ballsportart, in der man offiziell foulen darf. Körperkontakt – zumindest von vorn – ist gewollt. Die Regel definiert ein Foul eigentlich klar, doch es gibt viele Zweikampfsituationen, die für die Schiedsrichter schwer zu ahnden sind – vor allem, da die meisten nie selbst Handball gespielt haben und diese Situationen nicht kennen. Das Schicksal eines Spiels zwischen Vollprofis wird also von absoluten Amateuren bestimmt. Dabei ist das eine Gespann sehr kleinlich, das andere sehr robust. Es ist ein Riesenproblem, da mit dem Team zu arbeiten, weil man sich fragt: Was ist legal und was nicht? Außerdem spielen Profiteams unglaublich schnell und abgestimmt und gehen an die Grenzen des Erlaubten. Zwei Schiedsrichter sind zu wenig, um da alles zu erkennen. Am Kreis zum Beispiel wird ständig geschoben und gezerrt. Aber wer hat denn jetzt angefangen, der Kreisläufer oder der Verteidiger? Das ist selbst für einen Experten nicht immer zu erkennen.

Schrittfehler

Auch ein großes Problem. Erlaubt sind drei Schritte, ich kenne einen Spieler, der macht fast immer vier, manchmal sogar fünf. Das kann eigentlich nicht sein, aber es ist eine Frage der Technik. Wenn es rund aussieht, lassen die Schiedsrichter es meist laufen. Wieder: Auslegungssache.



Fuß im Wurfkreis

Bei einem Wurf kommt das mal vor, ist aber nicht die Regel. In der Abwehr ist das anders. Der Verteidiger darf den Kreis nicht zum Zwecke der Abwehr betreten, und das ist gerade auf den Außenpositionen oft Interpretationsfrage. Etwa, wenn einer im Kreis steht, aber nicht angreift – da gibt es Schiedsrichter, die sagen, der hat ja nichts gemacht, und pfeifen nicht. Man kann das aber auch anders sehen, denn natürlich verkürzt er damit den Wurfwinkel deutlich.

Passives Spiel

Diese Regel soll offensives Spiel fördern. In der Praxis ist es so nach 40, 50 Sekunden und meist drei Foulspielen der verteidigenden Mannschaft Zeit, dass da mal eine Wurfentscheidung kommt. Aber die Handhabung ist sehr, sehr unterschiedlich. Wenn die Schiedsrichter von Beginn an ihre Linie vorgeben, ist das aber nicht so dramatisch. Ich bin nicht so ein großer Freund von Überlegungen, eine konkret vorgegebene Angriffszeit wie im Basketball einzuführen. Dann wird es ein anderes Spiel, da kriegen wir nachher strategische Fouls und all solche Dinge.

Uhr anhalten

Ich denke, ab vier Minuten vor Schluss sollte bei jeder Unterbrechung automatisch die Uhr angehalten werden. Darüber sollte man diskutieren, dann gibt es keine Spielräume mehr wie bei der WM, als den Deutschen gegen Norwegen bei eigenem Einwurf die Zeit ablief. Wenn es spielentscheidend wird, müssen klare Verhaltensmuster für Schiedsrichter her.

Siebenmeter oder Freiwurf?

Siebenmeter gibt es, wenn eine klare Chance durch ein Foul verhindert wurde. Aber gerade auf den Außenpositionen wird das völlig unterschiedlich gepfiffen, mal gibt’s Freiwurf, mal Siebenmeter, mal Vorteil. Schlimm. Junge Spieler kriegen aber weniger Siebenmeter als Nationalspieler, weil die Schiedsrichter sie noch nicht kennen. Es geht sehr viel um Akzeptanz – man kann das mit den Preisrichtern beim Eiskunstlaufen vergleichen.

Zeitstrafen

Zeitstrafen können im Handball ein Spiel entscheiden, vor allem gegen Ende. Spannend ist vor allem die Frage: Siebenmeter plus Zeitstrafe oder nicht? 2004 wurde mal für die Außenpositionen beschlossen: Wenn der Abwehrspieler auf der Kreislinie oder im Kreis steht und sich damit einen Vorteil verschafft, gibt’s Siebenmeter. Und wenn er aktiv den Körper des Angreifers attackiert, dann auch noch zwei Minuten. Aber was ist aktiv? Manchmal kommt der Verteidiger aus der Bewegung und kann sich nicht in Luft auflösen. Manche geben da nichts, die ganz Nervösen dagegen auch bei einer unabsichtlichen Berührung eine Zeitstrafe. Da sollte man auch mal Klarheit schaffen.

Aufgezeichnet von Christian Hönicke.

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