Handbiker aus Haiti : Ein Sieger der Herzen

Handbiker Gaysli Leon ist ein Held. Nachdem er bei dem schweren Erdbeben in Haiti seine Familie verloren hat, will er nun Verwundeten in seinem Land Mut machen.

Nico Feisst
Nicht aus der Bahn geworfen. Der Handbiker Gaysli Leon aus Haiti macht seinen Landsleuten Mut.
Nicht aus der Bahn geworfen. Der Handbiker Gaysli Leon aus Haiti macht seinen Landsleuten Mut.Foto: Uli Gasper

Am Morgen des 12. Januar 2010 war die Welt für Gaysli Leon und seine Familie noch in Ordnung. Niemand ahnte, dass die Insel wenige Stunden später ihre größte Tragödie erleben würde. Das Erdbeben, dessen Epizentrum nur wenige Kilometer von der Hauptstadt Port-au-Prince entfernt war, zerstörte weite Gegenden der Insel. Leon verlor alles: seine Frau und alle seine Kinder, acht an der Zahl. Er selbst konnte nach drei Tagen aus den Trümmern seines Hauses geborgen werden. Während seine komplette Familie starb, blieb er mit einer Rückenmarksverletzung zurück, die ihn von der Hüfte abwärts lähmte.

Weil er nichts mehr hatte, entschloss sich der 45-jährige, seine Grenzen neu zu definieren. Er fing an, Handbike zu fahren und wurde 2011 bei seinem Debüt bei den Panamerikanischen Spielen Haitis erster Handbiker. Ob er es zu den Paralympics in London schaffen würde, war lange Zeit fraglich, da er die Qualifikationsnorm nicht erfüllt hatte: „Ich konnte kaum trainieren, schließlich fahre ich noch nicht lange Handbike.“ Lange Zeit waren in Josue Cajuste und Nephtalie Jean-Louis nur zwei Athleten gemeldet, die Haiti im Speerwurf und Kugelstoßen repräsentieren sollten, einen Tag vor der Eröffnungsfeier kam dann aber die frohe Botschaft: Leon erhielt eine Wildcard vom Weltverband IPC und sein Traum, ein Paralympics-Teilnehmer zu werden, wurde Realität: „Als Paralympionike ist man, egal wo man hingeht, ein Vorbild. Man steht sinnbildlich für Mut, Entschlossenheit, Inspiration und Gleichheit; die Werte der Paralympischen Spiele. Dadurch inspiriert man andere Leute, es einem nachzumachen.“

Leon will aber nicht nur Inspiration sein: Vielmehr will er anderen Hinterbliebenen des Erdbebens Hoffnung machen und neuen Lebensmut schenken. Knapp 316 000 Menschen ließen beim schwersten Erdbeben des 21. Jahrhunderts ihr Leben, etwa dieselbe Anzahl an Personen wurde verletzt. Noch immer sind die Nachwirkungen des Bebens ersichtlich, von der schlechten Infrastruktur, die schon vor der Katastrophe herrschte, ganz zu schweigen. Gerade Menschen mit Behinderung haben es in dem kleinen Inselstaat nicht leicht, doch in dem in Capotille geborenen Leon haben sie jemanden gefunden, der ihnen einen Weg zeigen will, damit es ihnen besser geht: „Ich möchte in meiner Heimat ein großes Vorbild für behinderte Menschen sein. Behindert heißt noch lange nicht, dass man nutzlos ist.“

Die Botschaft, die Leon in die Welt trug, ließ seine Platzierung in London zweitrangig werden: Im Zeitfahren belegte der Exot mit fast 20 Minuten Rückstand abgeschlagen Platz zehn und beim Straßenrennen zwei Tage später gab er nach zwei von acht Runden auf: „Ich war ein bisschen verärgert, als die anderen mich überholt haben.“ Trotz der Aufgabe war der Mann aus Haiti der große Gewinner auf der legendären Strecke von Brands Hatch. Die Zuschauer tobten, wenn er vorbeifuhr, und feuerten ihren Sieger der Herzen an. Nach dem Rennen war er von seinen Gefühlen überwältigt und voll des Lobes für die Briten: „Durch die Art, wie die Menschen mit mir umgehen, zeigen sie mir, dass ich in ihrem Herzen bin. Das macht mich glücklich. Ich fühle mich hier wie in einer Familie.“

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