Handspielregel : Mehr Handball als Fußball

Die Spieler sind verunsichert, die Schiedsrichter überfordert – nach den umstrittenen Szenen in Hannover ruft die Handspielregel weiter Unmut hervor.

von
Alle Hände hoch. Im Spiel zwischen Hannover 96 und FC Augsburg spielte die Handspielregel eine entscheidende Rolle.
Alle Hände hoch. Im Spiel zwischen Hannover 96 und FC Augsburg spielte die Handspielregel eine entscheidende Rolle.Foto: dpa

Seine Beschwerde zum sechsten Spieltag klang wie eine Petition im Namen der gesamten Branche. „Es wird Zeit, dass für die ganze Fußballwelt eine klare Linie eingeführt wird. Sobald der Ball irgendwo an der Hand ist, wird gepfiffen. Und das ist schrecklich“, sagte Jan-Ingwer Callsen-Bracker und war ziemlich sauer. Der Innenverteidiger hatte sich mit seinem FC Augsburg mit 1:2 (0:0) bei Hannover 96 geschlagen geben müssen. Handspiel oder nicht, Absicht oder regelkonform – der turbulenten Partie, die der Ungar Szabolcs Huszti mit einem verwandelten Handelfmeter Sekunden vor Spielende entscheiden konnte, waren lebhafte Debatten über die Regelauslegungen beim Handspiel gefolgt. „Diese Regel funktioniert irgendwie nicht korrekt“, meinte auch 96-Trainer Mirko Slomka.

Sie hatten sich ihren vierten Heimsieg im vierten Heimspiel erkämpft und beißen sich als Tabellenvierter in der Spitzengruppe fest. Aber nach dem nächsten Erfolgserlebnis von Hannover 96 beherrschte der Ärger über den Unparteiischen Christian Dingert und dessen Entscheidungen die kontroversen Spielanalysen. Vor dem 0:1 per Strafstoß von Paul Verhaegh hatte das Schiedsrichterteam gemeinsam auf Handspiel von 96-Verteidiger Salif Sané entschieden, obwohl der Senegalese mit dem Rücken zum Geschehen angeschossen worden war. Auf der Gegenseite versäumte es Dingert, ein klares Handspiel des Augsburger Verteidigers Ragnar Klavan mit einem Elfmeter zu ahnden. Beim 1:1 wiederum, das der Pole Artur Sobiech erzielte, war das Gerangel um den Ball so groß, dass ein mögliches Handspiel nur erahnt werden konnte. Zumindest in der Schlussphase lag der Schiedsrichter richtig, als er nach einem Handspiel des Augsburgers Matthias Ostrzolek den entscheidenden Strafstoß verhängte. Er gehorchte dabei einer Regel, die mehr verwirrt als ordnet.

Video: Nierbsach kritisiert Handspielregel

Das Rätselraten darüber, wohin der Arm eines Spielers eigentlich gehört, wie er den Ball mit der Hand berühren darf und welche Art des Ballkontakts mit einem Elfmeter bestraft wird, hat sich zu einem hartnäckigen Begleiter des Bundesliga-Spielbetriebs entwickelt. Der Großteil der Spieler ist verunsichert, immer mehr Schiedsrichter wirken überfordert. Nach dem 1:1 des 1. FC Nürnberg gegen Borussia Dortmund gestand Verteidiger Per Nilsson, dass ihm vor seinem Treffer zum 1:1 ein Handspiel unterlaufen sei, das nicht geahndet wurde. Schon zum Saisonstart mochte Lucien Favre, Trainer von Borussia Mönchengladbach, seine Wut über das Wirrwarr bei der Handspielregel nicht für sich behalten. Gegen seine Mannschaft waren im Auftaktspiel gegen Bayern München zwei Handelfmeter innerhalb von nur einer Minute verhängt worden. „Die Bundesliga ist fantastisch. Aber diese Regel ist katastrophal“, meinte der Schweizer und fand für seine kritischen Töne Zuspruch.

Stein des Anstoßes in Hannover, wo die Partie vor 39 200 Zuschauern im Grunde durch mehr Handball als Fußball entschieden worden ist, waren die Graubereiche der Regel 12 des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Immer mehr Abwehrspieler nutzen ihre Arme und Hände, um bessere Chancen auf das Verteidigen des eigenen Tores zu haben. Im Fachvokabular ist dann vom Vergrößern der Körperfläche die Rede. Was nicht im Regelwerk steht: Immer mehr Stürmer sind so trickreich und geschult, dass sie durchaus einen Schuss in den Oberkörperbereich des Gegenspielers wagen, um einen Elfmeter zu provozieren.

Schiedsrichter Dingert muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er die kritischen Entscheidungen mit Beteiligung von Gliedmaßen unterschiedlich bewertet hat. Seiner Gilde will es im deutschen Profifußball einfach nicht gelingen, eine einheitliche Linie beim Umgang mit Handspielen zu finden. „Es ist schlecht, dass wir schon so früh in der Saison so oft darüber diskutieren“, sagte Slomka, der sich von Dingert erst stark benachteiligt gefühlt hatte, dann aber von dessen Entscheidung kurz vor dem Abpfiff profitierte.

Hannovers Verteidiger Marcelo sprach nach dem Elfmetertor durch Huszti von einem Geschenk des Schiedsrichters. Erst am Morgen danach, als alle Beteiligten die Szene noch einmal im Fernsehen verfolgt hatten, war man sich jedoch einig. Dingert hatte erst eine ganze Menge falsch gemacht, zumindest in der Anbahnung des Siegtreffers aber alles richtig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar