Hannover 96 : Anführer oder Angeführter?

Der neue Trainer von Hannover 96, Mirko Slomka, tritt einen schweren Job an. Er soll die Spieler aus ihrer Lethargie wecken.

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Der Wunsch, dass es wieder härter zugehen soll, wurde sofort erfüllt. Als Mirko Slomka, der neue Trainer von Hannover 96, gestern früh seine ersten Anweisungen gab, war er von äußerst einsatzfreudigen Fußballprofis umgeben. Mit der Entlassung von Andreas Bergmann und der Verpflichtung von Slomka sollen die Profis aus ihrer Lethargie geweckt werden, die immer noch mit dem Selbstmord von Robert Enke in Verbindung gebracht wird. „Ich kann hier nicht Trainer und Seelsorger zugleich sein“, sagte Slomka, „aber ich bin ein sehr konsequenter Mensch.“

Die Frage, wie hart oder weich ein Fußballtrainer sein soll, ist in Hannover von besonderer Bedeutung. Es bleibt eine enorme Herausforderung, eine Mannschaft vor dem Absturz in die Zweite Liga zu bewahren, die von der Enke-Tragödie vor zwei Monaten aus ihrem Alltag gerissen wurde. Dazu kommt, dass Hannover 96 so viele Trainer und Manager verschleißt wie kaum ein zweiter deutscher Profiklub. Seitdem Martin Kind 1997 als Präsident angefangen und den Verein mit viel Engagement und Geld als Retter zunächst vor dem Ruin bewahrt hat, wird in Hannover nach Herzenslust geheuert und gefeuert. Nach zehn entlassenen Trainern und sieben geschassten Managern unter seinem Regiment, in dem Kind nur ein Jahr lang eine schöpferische Pause eingelegt hat, darf man sich fragen, ob der Fehler im System steckt. „Mirko Slomka hat ein überzeugendes Konzept und Visionen für die Zukunft vorgelegt“, sagt der Klubchef. Vielleicht ist vom netten Herrn Slomka, der auf dem Platz und in der Kabine gar nicht so nett vorgeht, aber auch wenig Gegenwind zu erwarten.

Wer sich der Frage annähert, wie es mit Hannover 96 weitergeht, landet immer wieder beim mächtigen Präsidenten. „Martin Kind ist Hannover 96“, gesteht der aktuelle Sportdirektor Jörg Schmadtke. Seine Vorgänger, zu denen unter anderem Franz Gerber, Thomas von Heesen und Christian Hochstätter zählen, waren als Spieler erprobte Fußball-Experten, die unter dem Kaufmann Kind aber auf Dauer kein eigenes und tragfähiges Profil entwickeln konnten. Auch in der langen Ahnengalerie der 96-Trainer ist bis auf Ralf Rangnick kein Chef der sportlichen Abteilung in Erinnerung geblieben, der es gewagt hätte, öffentlich mit dem Präsidenten zu streiten. Eine der wenigen Konstanten in Hannover scheint deshalb zu bleiben, dass immer wieder auf Führungspersonal gesetzt wird, das sich auch selbst führen lässt.

Nur wenn der 42-jährige Slomka nach seiner 20 Monate langen Pause den Klassenerhalt in dieser Saison noch schafft, hat er eine Chance, seinen bis 2011 geltenden Vertrag auch zu erfüllen. Sein Vorgänger Andreas Bergmann, den der Präsident im Rahmen des Neujahrsempfangs vor zwei Wochen noch vor versammelter Mannschaft gelobt hatte, durfte nur fünf Monate lang als Interimstrainer wirken. „Herr Bergmann ist wahrscheinlich heute noch der Auffassung, dass er es schaffen kann“, sagt Kind. „Wir sind es nicht.“

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