Hannover 96 : Auf der Suche nach Normalität

Neben Robert Enkes Tod lastet eine weitere Bürde auf den Spielern von Hannover 96: der Abstiegskampf.

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Der Nachfolger. Torwart Florian Fromlowitz macht seine Sache bislang gut. -Foto: dpa

Berlin - Es soll nun abgenommen werden. Das Trikot von Robert Enke, das zur Erinnerung an den verstorbenen Torhüter im Stadion aufgehängt worden war. „Zum Berlin-Spiel ist es nicht mehr da“, erklärte Martin Kind, Klubchef von Hannover 96. Wenn Hertha BSC am Samstag zum Start der Rückrunde in die Arena am Maschsee einläuft, wird es verschwunden sein. „Die Mannschaft braucht dieses Zeichen nicht“, fügte Trainer Andreas Bergmann hinzu. Das Entfernen des Trikots soll auch eine Art Befreiung sein. Befreiung vom ständigen Erinnern an den schweren Verlust, den die Mannschaft erlitten hat. „Die Erinnerung ist in uns“, sagt Jörg Schmadtke, Hannovers Sportdirektor. „Die Spieler sollen nun befreit in die Rückrunde gehen.“

Eine solche Befreiung scheinen die Niedersachsen dringend zu benötigen. Einen einzigen Punkt holte Hannover 96 seit der tragischen Nachricht vom Suizid ihres Kapitäns, der sich am 10. November vergangenen Jahres vor einen Zug stellte. Einen Punkt durch ein 0:0 zu Hause gegen Leverkusen, so lautet die Ausbeute aus fünf Pflichtspielen ohne Enke – dafür stehen 13 Gegentore auf dem Konto. Die gute Ausgangsposition, die sich Hannover bis zum zwölften Spieltag erarbeitet hatte, ist dahin. Und der Abstiegskampf Realität: Auf Platz 14, mit einem Punkt Vorsprung auf den Relegationsplatz, beendeten die Niedersachsen die Hinrunde.

Ähnlich wie für Hertha BSC sind für Hannover nun auch die ersten drei Partien der Rückrunde richtungsweisend. Auf Hertha folgen Spiele gegen Mainz 05 und Nürnberg, direkter Konkurrent im Abstiegskampf. Aus diesem Grund nahm Andreas Bergmann unmittelbar nach den Weihnachtsfeiertagen das Training wieder auf. „Unsere Situation ist nicht einfach und wir müssen jetzt hart arbeiten, um wieder auf die Erfolgsspur zu kommen“, sagte er. Gleich in den ersten Begegnungen sollten die bitteren Niederlagen der letzten Hinrundenspiele, als man gegen Mönchengladbach drei Eigentore schoss und gegen Bochum trotz 2:0-Führung noch unterlag, vergessen gemacht werden. Doch das 1:2 im Testspiel beim 1. FC Union Anfang Januar zeigte keine nennenswerte Verbesserung. Einfachste Fehlpässe und individuelle Aussetzer prägten das Spiel der 96er. Abstimmungsprobleme in der Abwehr führten zu Stellungsfehlern – und zu zwei unnötigen Gegentoren. Andreas Bergmann sprach von Konzentrationsproblemen. „Die Mannschaft muss zu diesem Zusammenhalt, dieser Teamarbeit zurückfinden, die sie vorher ausgezeichnet hat“, sagte er.

Vorher, das heißt immer: vor dem Verlust Robert Enkes. Doch der war zweifelsfrei der Anführer dieses Teams. „Dass uns nun eine wichtige Stütze fehlt, ist klar“, sagt Mittelfeldspieler Jan Rosenthal. Die sportliche Rolle füllt Florian Fromlowitz ordentlich aus, als Ersatztorwart wurde der 35-jährige Uwe Gospodarek geholt, der seine Karriere im April eigentlich beendet hatte, nun aber bis zum Saisonende für einen möglichen Ausfall Fromlowitz’ bereit stehen soll. Und die menschliche Rolle? Die versuchen mehrere in der Mannschaft zu übernehmen, Arnold Bruggink, Christian Schulz, Hanno Balitsch oder Jiri Staijner. „So gut sie können“, sagt Jörg Schmadtke.

Eine Lücke bleibt. Andreas Bergmann jedoch hat keine andere Möglichkeit, als nach vorn zu schauen. Mantraartig entgegnet Bergmann auf Nachfragen: „Das muss jetzt abgehakt sein. Ich habe den Spielern gesagt: Die Bundesliga wartet nicht, bis wir uns erholt haben.“ Die Zeit der Schonung, in der er vielleicht bei der Disziplin ein Auge zugedrückt habe, sie müsse nun beendet sein, gestand Bergmann ein. Klubchef Martin Kind forderte seinen Trainer kürzlich explizit zu mehr Härte gegenüber der Mannschaft auf. Und auch Bergmann weiß: „Wir dürfen uns nicht dahinter verstecken. Es war eine schwere Zeit, aber jetzt muss es weiter gehen.“ Immerhin folgte am Samstag im letzten Testspiel ein 1:0 gegen Arminia Bielefeld. Der erste Sieg „danach“. Ein Schritt nach vorn.

Bis der Verlust des Freundes und Mannschaftskollegen gänzlich überwunden ist, wird es aber wohl noch eine Weile dauern. „Ich kann für mich sagen, dass das Thema positiv aufgearbeitet wurde“, sagt Jan Rosenthal. In die Köpfe der anderen könne er aber nicht hinein schauen. Gesprochen wird darüber nun nicht mehr in der Mannschaft. Auch das ist wohl Teil des Befreiungsprozesses.

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