Hannover 96 : Aus dem Schatten

Torwart Florian Fromlowitz tritt Robert Enkes Erbe in Hannover mit einer erstaunlichen Leistung an.

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Am Wochenende hat der Fußball nochmals Abschied von Robert Enke genommen, dem Nationaltorwart, der seinem Leben selbst ein Ende gesetzt und der Fußballnation einen Schock versetzt hat. Das Spiel mit dem dicksten Trauerrand findet in Gelsenkirchen statt, dort wo Enkes früherer Verein Hannover 96 antritt. Den meisten Trost spendet dort der neue Stammtorwart den Trauernden. Florian Fromlowitz tritt das sportliche Erbe Enkes mit einer erstaunlichen Leistung an.

Der 23 Jahre alte Ballfänger wirkt von Anfang hoch konzentriert und wird zum besten Spieler seiner Elf. Später spricht Fromlowitz von der „Moral der Mannschaft“, wie es sonst nur Spieler oder Trainer tun, deren Elf einen Rückstand aufgeholt hat. Aber auch der Torhüter darf sich, trotz des 0:2 gegen Schalke, als Gewinner fühlen, nicht nur dank der „bärenstarken Leistung“, von der sein Trainer Andreas Bergmann später sprach. Der Gewinn bemisst sich an diesem ersten Bundesliga-Arbeitstag nach der Ära Enke nicht nach Punkten, sondern nach inneren Werten, besonders danach, „wie wir das Ganze verarbeitet haben“, sagt Fromlowitz. Bei aller Trauer habe er die Vorgeschichte seines unverhofften Karrieresprungs „während des Spiels gut ausblenden können“. Seine Paraden verhindern einen früheren Rückstand und eine höhere Niederlage.

Auch nach dem Schlusspfiff in der anfangs ruhigen, später lauten Arena scheint es für einen Augenblick so, als hätte der Alltag wieder die Oberhand gewonnen. Fromlowitz formuliert Sätze aus dem Standardrepertoire. „Die Mannschaft hat sich toll dagegen gestemmt, und ich hätte gern zu Null gespielt“, sagt er. Sobald die schiere Konzentration auf das Spiel und das eigene Tor nachlässt, wird es schwieriger. Dann spürt Fromlowitz, der die Nummer 27 trägt, dass er zwar der erste Mann zwischen den Pfosten von Hannover 96 ist, aber noch nicht die Nummer 1. Bis dahin wird es noch ein weiter Weg sein – bei allem Talent, bei aller Klasse. Das ist auch dem Nachfolger Enkes bewusst. „Robert ist immer noch in unseren Köpfen und bleibt in meinem Herzen“, sagt Fromlowitz. Zunächst will er nur ein paar Sätze sagen, vor den Kameras des Fernsehens, und sogleich kehrt machen. Doch Fromlowitz überlegt es sich anders. Die angestrebte Rückkehr zur Normalität gebietet ihm, tapfer zu sein. Also steht er Rede und Antwort. „Es bringt nichts davonzulaufen“, sagt Fromlowitz und erzählt, wie er gespürt habe, „dass man nur ein Mensch ist“ – auch auf der Sonnenseite des Berufsfußballs.

In seinen Worten schwingt eine Tugend mit, die Fußballprofis oft fremd ist: Demut. Wie lange das anhält, wird sich erst zeigen. Jedenfalls hat Fromlowitz, mit Taten wie mit Worten, einen ersten Schritt aus dem Schatten Enkes heraus in Richtung Normalität gemacht, so wie der Fußball-Lehrer Bergmann es ihm geraten hat: „Florian ist kein Ersatz-Robert, sondern eine eigene Persönlichkeit, er muss auch an sich denken.“ Dass Fromlowitz dieses Ziel erreichen kann, war „auf“ Schalke nicht zu übersehen und nicht zu überhören.

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