Hannover 96 : Namenlose und Blutegel

Vergangene Saison wäre Hannover 96 beinahe abgestiegen, jetzt spielt der Verein stark und steht auf Platz drei. Aus einem Kader der Namenlosen hat Trainer Mirko Slomka eine funktionierende Mannschaft geformt.

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Immer weiter nach oben. Die Hannoveraner um Stürmer Didier Ya Konan (Mitte, langer Arm) sind momentan ein sehr unangenehmer Gegner. Foto: dpa
Immer weiter nach oben. Die Hannoveraner um Stürmer Didier Ya Konan (Mitte, langer Arm) sind momentan ein sehr unangenehmer...Foto: dpa

Auch mit Blutegeln hat diese seltsame Erfolgsgeschichte zu tun. Wer wissen will, warum Hannover 96 nicht mehr als Mauerblümchen der Fußball-Bundesliga dasteht, sollte sich mit der Therapie von Sergio Pinto beschäftigen. Um seinen Knöchel nach einem Bänderriss so schnell wie möglich abschwellen zu lassen, hatte der Portugiese im Team der Niedersachsen kürzlich zu dem Trick mit den gierigen Tierchen gegriffen. Mit Erfolg, Pinto spielte nur eine Woche nach seiner Verletzung schon wieder mit. „Ich kann davor nur den Hut ziehen. Diese Mannschaft will, sie gibt alles“, findet Mirko Slomka. Zu Saisonbeginn war er noch der erste Kandidat für eine Trainerentlassung. Nun thront er vor dem zehnten Spieltag auf Platz drei und über jenen Klubs in der Tabelle, die Hannover oft belächelt haben. Wie Hoffenheim, wo die Hannoveraner am Sonntag zu Gast sind.

Keiner sagt es laut, aber allen Beteiligten ist klar: Natürlich wird Hannover 96 am Ende dieser Saison nicht in der Champions League landen. Aber die Mannschaft um Kapitän Steven Cherundolo hat aus dem Nichts eine ganze Menge gemacht. Was Hannovers Präsident Martin Kind eine „erfreuliche Momentaufnahme“ und „eine unerwartete Entwicklung“ nennt, ist aus der Not geboren. Fußball bleibt in Hannover ein defizitäres Geschäft. Deshalb hatte Kind vor der Saison angeordnet, dass sein Sportdirektor Jörg Schmadtke keine Ablösesummen bezahlen darf. „Wir suchen auch da, wo andere nicht mehr hingucken“, sagt Schmadtke und darf sich diebisch darüber freuen, wie seine vermeintlich schlechten Neuzugänge die gewohnte Hackordnung der Liga tüchtig durcheinanderwirbeln.

Sie heißen Moritz Stoppelkamp, Lars Stindl oder Mohamed Abdellaoue. Kaum jemand kannte diese Namen, jetzt staunt die vermögende Konkurrenz über eine Mannschaft der Namenlosen, aus der Slomka die bisherigen Großverdiener auch noch entfernt hat. Erfahrene Profis wie die früheren Nationalspieler Jan Schlaudraff und Mike Hanke sind von ihm zu Statisten degradiert worden. „Wir haben hier jetzt gute, neue Typen“, findet selbst Sofian Chahed, der von Hertha BSC nach Hannover gewechselt ist und verzweifelt um den Anschluss an die Mannschaft kämpft. Seine Kollegen glänzen als Minimalisten, die genau wissen, was sie besser nicht versuchen sollten.

Als sie daheim dem Favoriten Leverkusen ein 2:2 abgetrotzt hatten, sagte Verteidiger Karim Haggui hinterher: „Wenn wir gegen die versuchen, Fußball zu spielen, dann verlieren wir.“ Also wird gekämpft und gerackert, als werde der Abstiegskampf noch vor der Winterpause entschieden. Hannover 96 hat sich darauf spezialisiert, einen Fußball spielenden Gegner so lange zu ärgern und zu bekämpfen, bis er Fehler macht. Und mit Stürmer Didier Ya Konan, im Vorjahr zum Schnäppchenpreis von nur 550.000 Euro von Rosenborg Trondheim nach Hannover transferiert, haben sie einen Mann in ihrem Sturm, der Fehler bestraft. „Wenn du kämpfst und an dich glaubst, ist im Fußball alles möglich“, findet der streng gläubige Ivorer, der schon fünf Saisontreffer erzielt hat.

Wie groß der Anteil von Trainer Slomka daran ist, dass seine Mannschaft zu einer positiven Stimmung zurückgefunden hat, lässt sich nur erahnen. Der 43-Jährige hat nach seinem Amtsantritt im Januar jeden Stein im Verein umgedreht sowie mit Hilfe eines Leistungsdiagnostikers körperliche Defizite gnadenlos beseitigen lassen. Und die weitgehend unveränderte Mannschaft, die nach dem Suizid von Robert Enke lange Zeit ihrem Torhüter nachtrauerte, scheint einen Großteil des düsteren Ballasts endlich von der Seele geworfen zu haben. „Wir mussten damals auf dem Platz weiterfunktionieren. Aber wir sind keine Maschinen“, sagt Kapitän Cherundolo über jene Serie an Niederlagen, die nach Enkes Tod fast zum Abstieg geführt hätte.

Mit den überraschenden Siegen in dieser Saison haben die Profis von Hannover 96 wieder gelernt, bei der Arbeit unbeschwert zu lachen und herumzublödeln. Zum Thema Enke – auch in dieser Hinsicht sind sich die Spieler einig – schweigt die gesamte Mannschaft. „Wir werden Robert nie vergessen. Aber in der Kabine und auf dem Platz spielt das Thema kein Rolle mehr“, sagt Torhüter Florian Fromlowitz, der Enkes Platz zwischen den Pfosten und sein Trikot mit der Nummer 1 übernommen hat.

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