Hannover 96 : Ohne Rücksicht auf den Verlust

Hannovers Krise dreht sich um Enkes Nachfolger. Weil Gerhard Tremmel aus Cottbus nicht kommt, ruhen die Hoffnungen nun doch wieder auf dem eigentlich degradierten Florian Fromlowitz.

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Demontiert und doch gesetzt. Florian Fromlowitz sollte im 96-Tor durch Gerhard Tremmel ersetzt werden. Foto: dpadpa

Gesenkten Hauptes verließ er den Trainingsplatz. „Es muss ja weitergehen“, sagte Florian Fromlowitz mit leiser Stimme. Für einen Torhüter, über dessen Degradierung am Abend zuvor hinter seinem Rücken verhandelt worden war, machte der 23-Jährige am Dienstagmorgen einen tapferen Eindruck. Die Frage, wer das Tor von Hannover 96 hüten darf, ist seit dem Suizid von Robert Enke mit besonderer Sensibilität behandelt worden. Weil die sportliche Not so groß geworden ist, dass den Niedersachsen der Abstieg droht, scheint es mit der Rücksichtnahme nun aber endgültig vorbei zu sein. 96 hat sich tatkräftig um die Verpflichtung von Gerhard Tremmel vom Zweitligisten Energie Cottbus bemüht, ist dabei aber gescheitert – und hat sich tüchtig blamiert.

Ein Angreifer (Arouna Koné/FC Sevilla), ein Mittelfeldspieler (Elson/VfB Stuttgart) und ein frustrierter Torhüter – das Ergebnis der Winterschluss-Einkäufe sorgte in Hannover für betretene Mienen. 96-Trainer Mirko Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke misslang es, ihre beiden als Rettungsanker im Abstiegskampf geholten Neuzugänge mit einem Lächeln zu präsentieren. „Sie machen das Thema größer, als es ist“, sagte Slomka auf die Frage, ob man mit dem verlorenen Poker um Tremmel nicht den bisherigen Stammtorhüter Fromlowitz vollends demoralisiert habe. Es war eigentlich nicht mehr zu leugnen, dass die 96-Verantwortlichen das Vertrauen in den 23-Jährigen verloren haben. Schmadtkes Variante, Tremmel sei von Cottbuser Seite angeboten worden und man habe sich eben damit beschäftigen müssen, ist deshalb dreist. „Ich glaube nicht, dass sich Florian Fromlowitz durch eine solche Kleinigkeit durcheinanderbringen lässt“, sagte Slomka, der Fromlowitz auch am Samstag in Hoffenheim einsetzen will. Die angedachte Verpflichtung des 31-jährigen Tremmel war laut von Slomka in der Kürze der Zeit und nach sorgfältiger Prüfung „nicht realisierbar“. Energie soll nur dazu bereit gewesen sein, seinen Torhüter abzugeben, wenn ein geeigneter Ersatz für ihn gefunden worden wäre. Weil das nach den Verhandlungen mit 96 nicht in Aussicht stand, kam ein Vereinswechsel des auf die Transferliste gesetzten Tremmel zum wiederholten Mal nicht zustande. Offenbar stand bei dem Poker auch zur Diskussion, den an Hoffenheim ausgeliehenen 96-Torhüter Daniel Haas nach Cottbus weiterzureichen – was aber nicht gelang.

Der Abstiegskampf macht es möglich: Zweieinhalb Monate nach dem Suizid von Enke, der die Mannschaft völlig verunsichert bis auf den 16. Tabellenplatz abrutschen ließ, scheint in Hannover für Betroffenheit und Rücksichtnahme kein Platz mehr zu sein. „Die Mannschaft muss lernen, Rückschläge wegzustecken“, findet Slomka, der den Ton auf dem Trainingsplatz nach der Entlassung seines Vorgängers Andreas Bergmann deutlich verschärft hat. Die sportliche Leitung ist zudem hektisch bemüht, die Sünden der Vergangenheit zu korrigieren. „Ich habe diesen Kader nicht in der Gänze zusammengestellt“, sagte Schmadtke und distanzierte sich damit von einem Teil der aktuellen Spieler. „Wir brauchten neue Gesichter, die auch Angst einflößen“, meinte Slomka. Dass sich alle Beteiligten mehrfach dafür ausgesprochen haben, Fromlowitz dabei zu helfen, wenn er das schwere Erbe des depressiven Enke antritt, scheint längst vergessen.

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