Sport : Hansa auf Halbmast

Profifußball in Rostock, das war nach der Wende eine der letzten Bastionen im Osten. Nun droht der Sturz in die Dritte Liga. Verspielt der Verein in 20 Wochen, was er in 20 Jahren aufgebaut hat?

Michael Rosentritt[Rostock]
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Foto: dpa

Ein Trecker tuckert durchs Rostocker Stadion und lässt hinter sich einen neuen, in Streifen geschnittenen Rollrasen liegen. 100 000 Euro hat der FC Hansa Rostock einer Firma aus dem Rheinland dafür überwiesen. „Da wuseln 20 Leute – schon irre, wie das funktioniert“, sagt Hansas Pressesprecher Axel Schulz. Er hätte auch sagen können: Ansonsten funktioniert nicht viel bei Hansa. Der Fußballklub von der Ostsee, der seit Sommer in der Zweiten Liga kickt, droht abzustürzen. Heute kommt der FC Ingolstadt zum FC Hansa. Ein echtes Abstiegsduell. Ob der Rasen den Rostockern hilft? Es wäre ein Zeichen, das der Verein so sehr braucht wie vielleicht noch nie.

Der FC Hansa hat sich nie auf Zeichen verlassen, aber momentan ist nichts mehr so, wie es einmal war. Es geht um die Zukunft des Vereins. Axel Schulz, Jahrgang 1959, der in der Oberliga und für die DDR-Auswahl gespielt hat, ist seit mehr als zehn Jahren Pressesprecher des Vereins. In 23 Spielen hat Hansa vier Siege zustande gebracht. Hansa steht am Abgrund, vor der Dritten Liga. „Wir brauchen jetzt ein Zeichen“, sagt Schulz.

Hansa hat bereits den zweiten Trainer in der laufenden Saison verschlissen. Erst musste Frank Pagelsdorf seinen Stuhl räumen. Ihm folgte der glücklose Dieter Eilts, der vor einer Woche beurlaubt wurde. Zuvor hatte Hansa den Manager ausgetauscht. Für Herbert Maronn kam der ehemalige Hansa-Profi René Rydlewicz. Der 35-Jährige war zuletzt als Sportdirektor für Anker Wismar tätig – Landesliga.

Und auch an der Spitze des Aufsichtsrates gab es gerade einen Wechsel. Hans-Ulrich Gienke (60) ist der neue Chef. Er hatte Adalbert Skambraks (67) erlöst, der seit Herbst regierte. Damals hatte sich Horst Klinkmann verabschiedet. Der renommierte Mediziner war seit 1995 Chef des Aufsichtsrats. „Wir müssen uns das Schicksal anderer Ostvereine ersparen, die ganz tief gefallen sind“, hatte Klinkmann gesagt: „Aber ich weigere mich, nur eine Minute darüber nachzudenken, dass es zu einem totalen Absturz kommen könnte.“ Nicht mal ein halbes Jahr später ist der Verein dem Abgrund noch näher.

Beim FC Hansa sind viele Stühle gerückt worden. Niemand aber weiß, ob die richtigen Leute an Bord geblieben sind. Klinkmann war die vielleicht letzte charismatische Figur bei Hansa. Vorbei die Zeit, als der Verein Mitte der neunziger Jahre aufstieg und von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Der Verein hatte damals eine Geschichte zu erzählen und in dem ehemaligen DDR-Nationalspieler Gerd Kische und dem ehemaligen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel zwei Persönlichkeiten, die dies auch taten. Der FC Hansa, der zu DDR-Zeiten nie die große Rolle gespielt hatte, entpuppte sich als letzte Bastion des Ostens.

Heute werfen Kritiker dem Verein ein Führungsproblem vor: Hansa werde nicht geführt, sondern verwaltet. Der Klub habe sich zu lange im eigenen Saft gedreht. Inzwischen ziehe sich der ganze Verein damit selbst nach unten. „Es ist keine Zeit zum Heulen“, sagt Andreas Zachhuber. Der 46-Jährige ist vor einer Woche als Trainer installiert worden. 1975 kam er aus Wismar zum FC Hansa, erst als Spieler, später trainierte er den Nachwuchs und die Amateure. 1994 berief ihn der damalige Cheftrainer Frank Pagelsdorf zum Kotrainer. Damals wäre der Verein fast aus der Zweiten Liga gekippt. Trotzdem sagte Pagelsdorf, dass er aufsteigen wolle. „Dann lass uns alles tun dafür“, hatte ihm Zachhuber geantwortet. „In jenem Jahr kam ich auf fünf freie Tage“, erzählt Zachhuber. „Wir hatten hier damals zwei tragbare Tore – eins mit Netz, eins ohne – und im Entspannungsbecken haben die Ratten gehaust. Aber wir haben es gepackt.“ Platz sechs im ersten Bundesligajahr, ein Punkt fehlte zum Uefa-Cup. Heute kämpft Hansa ums Überleben.

Zachhuber kennt schwierige Phasen. 1999 und 2000 rettete er Hansa als Cheftrainer jeweils am letzten Spieltag die Bundesligazugehörigkeit. Bald darauf erwischt es auch ihn. „Wenn du heute in diesem Geschäft einen Vertrag unterschreibst, unterschreibst du deine Kündigung gleich mit“, sagt Zachhuber. Zuletzt war er beim Greifswalder SV in der fünften Liga tätig. Und jetzt ist Zachhuber so etwas wie Hansas letzte Rettung. „Wir haben noch elf Spiele, 33 Punkte sind zu vergeben. Wir packen das“, sagt er mutig.

Kritiker werfen dem Verein vor, sich hinter dem Image des kleinen, klammen Klubs mit einem schwierigen Umfeld zu verstecken. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland mit 1,7 Millionen Menschen und bescheidener Kaufkraft. Rostock, das seit 2005 vom parteilosen Roland Methling regiert wird, hat 200 000 Einwohner, vor 20 Jahren waren es 50 000 mehr. Die Arbeitslosenrate liegt bei 13 Prozent, vor der Wirtschaftskrise. Auf dem Land ist sie doppelt so hoch. Hansa ist der größte Werbeträger des Landes, neben der See. Seit vorigen Herbst ist der Westfale Erwin Sellering (SPD) Ministerpräsident. Sein Vorgänger Harald Ringstorff hatte den FC Hansa einst als Leuchtturm bezeichnet, der weit über die Landesgrenzen hinaus scheine. Was ist davon geblieben? Ein Leuchtturm, in dem das Licht verloschen ist? Eine Hülle?

Auf den beiden Trainingsplätzen vor der verglasten Geschäftsstelle kickt die Zukunft. Die Zehn- bis Zwölfjährigen sind in Vereinsblau gehüllt. Im Trainingsspielchen sind nur Flachpässe erlaubt. Bei den Talenten spielen ein paar begabte Füße mit. Sie könnten Hansas Zukunft sein. Sie müssen es. Wie aber kann die Zeit überbrückt werden bis Zukunft ist, und wo? In der Dritten Liga?

Hansas Weg war der eines Ausbildungsvereins. Talente finden, sie ausbilden und ins Schaufenster Bundesliga stellen. In den ersten fünf Bundesligajahren nahm Hansa so mehr als 20 Millionen Euro aus Verkäufen von Spielern wie Schneider, Beinlich, Akpoborie, Barbarez, Pamic, Rehmer, Neuville und Agali ein. Nennenswerte Transfererlöse gibt es seit sechs Jahren keine mehr. Die Marktlücke, die Hansa ausfüllte, ist verschwunden. Heute scoutet jeder ambitionierte Klub bis runter in die Landesliga. Schon 14-Jährige unterschreiben Vorverträge. „Nur mit Sonnenschein und Ostsee kriegen wir keine Spieler her“, sagt Zachhuber. Eine alte Erklärung. Unwahr sei sie deshalb noch lange nicht. „Den Schwung aus den Anfangsjahren konnten wir nicht beibehalten“, aber das sei allen klar gewesen. „Wenn heute nur zwei von sechs Neueinkäufen passen, hast du hier ein Problem.“

Als Zachhuber vor einer Woche anfing, führte er stundenlange Gespräche. Mit Spielern, Physiotherapeuten, dem Torwarttrainer und dem Zeugwart. „Ich habe aufgesogen, was ging.“ Dann strich er die freien Tage und setzte neun Trainingseinheiten an. „Wir müssen endlich anfangen, Spiele zu gewinnen“, sagt Zachhuber. Drei Punkte als ein Zeichen dafür, dass es noch geht. „Es gibt Leute hier, die haben Angst, dass das, was in 20 Jahren geschaffen wurde, in 20 Wochen verwirkt wird“, sagt Zachhuber. Dann geht er wieder zu seiner Mannschaft.

Die Dame am Empfang der Geschäftsstelle trägt schwarz. Sie hebt erst einmal nicht den Kopf. Die Verunsicherung hat hier alle erfasst. Ob die Dame vom Welcome-Desk bald ihren Job verliert?

„Das Produkt FC Hansa ist momentan nicht stimmig“, sagt Ralf Gawlack und faltet dabei seine Hände. Der 44-Jährige ist Marketingchef, seit elf Jahren im Verein und mittlerweile stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Und: Gawlack kommt aus dem Westen Deutschlands. Eine Rarität im Hansa-Gebilde. Gawlack hat viele Höhen miterlebt. Momentan sei es das Gegenteil. „Wie soll die Stimmung schon sein?“, fragt Gawlack. „Sie ist ein bisschen unter Halbmast.“ Aber immer, wenn es so gewesen sei, „haben wir die Kraft entwickelt, um am Ende über dem Strich zu stehen“. Gawlack macht ein ernstes Gesicht. „Vielleicht haben wir uns alle zu sicher gewähnt.“ Er will sich gar nicht ausmalen, was ein Fall in die Dritte Liga bedeuten würde. Abstiege tun überall weh, insbesondere aber in Rostock.

Das vergangene Geschäftsjahr, das des Abstiegs, war das umsatzstärkste in der Geschichte des Vereins. 30 Millionen Euro betrug der Umsatz, der Gewinn lag bei mehr als drei Millionen Euro. Hansa ist längst nicht mehr schuldenfrei, aber in 12, 13 Jahren könnte das Stadion abbezahlt sein. Das steht nun auf der Kippe.

Im vorigen Sommer wurden 16 Arbeitsplätze gestrichen. Geblieben sind noch 52. Gawlack erstellt derzeit mit Dirk Grabow die Lizenzunterlagen. Grabow ist Finanzexperte und seit 2007 Vorstandsvorsitzender. Nächste Woche werden die Unterlagen für die kommende Zweitligasaison eingereicht, am 1. April die für die Dritte Liga. Hansa muss beide Fälle kalkulieren: einmal mit sechs bis acht Millionen Euro vom Fernsehen, oder mit maximal 800 000 Euro in der Dritten Liga. Hansas Etat für die laufende Saison beträgt 17 Millionen Euro. In der Dritten Liga kämen mit Mühe und Not fünf bis sechs zusammen. „Ich schlafe nicht so gut“, sagt Gawlack. Wenn es über Monate hinweg keine guten Nachrichten gebe, drücke das auf die Seele. Am nächsten Morgen müsse er wieder stark sein, optimistisch. Motivieren, Zeichen setzen, wie es Gawlack nennt. „Bei einem Abstieg bräuchten wir ein komplettes Umdenken.“

Kritiker sagen, das Umdenken hätte der Verein weit früher gebraucht. Bei Hansa habe das ein gewisses Misstrauen verhindert. Andere Ostvereine wie Dynamo Dresden oder Lok Leipzig haben schlechte Erfahrungen gemacht mit Leuten, die plötzlich im Verein auftauchten. Hansa hatte sich erfolgreich abgeschottet und Erfolg damit. Übriggeblieben ist das Misstrauen. Wenn eine Neuer kommt, heißt es oft: Was kann der wollen?

Das Projekt FC Hansa ist auf Profifußball ausgelegt, auf die Bundesliga. Ein kurzer Aufenthalt in der Zweiten Liga ist beherrschbar – aber weniger? Hier gibt es viele Angestellte, die sonst nichts anderes haben. Um sie täte es ihm leid, sagt Gawlack und denkt an den Zeugwart, „den hier alle nur Onko nennen, der Tag und Nacht da ist.“ Jetzt geht es nur noch darum, den Worst Case zu verhindern. Es geht auch um junge Spieler wie Fin Bartels, Mario Fillinger und Felix Kroos, der vor drei Tagen 18 wurde. Um sie herum soll ein Team mit Perspektive gebaut werden. Deshalb spricht Gawlack seit Wochen mit den Sponsoren. Oft hört er eine Standardantwort: „Wir könnten uns vorstellen ...“ Konkrete Abschlüsse? Fehlanzeige.

Ein Teil der Fans ist schon weggeblieben. „Ich verstehe ja die Fans, die geben ihr Geld aus, weil sie Glücksmomente erleben wollen. Wenn diese Momente ausbleiben, bleiben die Fans aus“, sagt Gawlack. „Hier hat niemand und nichts Gültigkeit für die Dritte Liga.“ Gawlack sucht jeden Tag nach Auswegen, Lösungen, nach Argumenten. Wofür soll der FC Hansa stehen? Gawlack blickt aus dem Fenster und sagt: „In den kommenden Tagen geht es darum, dass der Verein seine Geschichte für die nächsten Jahre erzählt.“

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