Sport : "Hansa Rostock braucht ein Image"

Herr Veh[haben Sie ein Premiere-Abo?]

Herr Veh, haben Sie ein Premiere-Abo?

Ich habe sogar zwei - eins in Augsburg bei meiner Familie und eins hier in Rostock. Ich gucke immer Champions League. Premiere macht ein gutes Programm.

Aber das Programm ist zu teuer.

Diese ganze Debatte ist völlig überdreht. Die Medien machen daraus eine Sache von Krieg oder Frieden. Und jeder aus der Bundesliga gibt seinen Senf dazu.

Und wenn der Hansa-Aufsichtsratschef Horst Klinkmann wegen der Krise alle Vertragsverhandlungen mit neuen Spielern stoppt, tangiert sie das auch nicht?

Keine neuen Spieler? Na, dann können wir uns gleich abmelden und in der Bezirksliga spielen. Unser Kader ist zu alt, viele Verträge laufen zum Saisonende aus. Ich bin sicher, dass wir bald neue Spieler kaufen werden.

Es wird auch über die Spieler-Gehälter diskutiert. Werden die Profis angemessen bezahlt?

Was heißt angemessen? Wenn die Summe bezahlt wird, nimmt man sie halt. Natürlich sind die Gehälter in den letzten Jahren gestiegen. Aber wenn ich immer höre: Fußball-Millionäre! In Rostock gibt es keine Millionäre.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Das sagt viel über Ihren Verein aus. Sie haben sich als Trainer vorgenommen, modernen Fußball nach Rostock zu bringen. Doch sie haben weniger Möglichkeiten als die Konkurrenz.

Wenn ich mir die besten Spieler einfach kaufen kann, habe ich natürlich mehr Erfolg. Wir stehen finanziell ganz unten, da kann man nur um den Klassenerhalt spielen.

Und das reicht Ihnen?

Natürlich habe ich auch Pläne. Ich will, dass sich Hansa ein gewisses Image erarbeitet.

Wie soll das aussehen?

Erst einmal brauchen wir ein Image, derzeit haben wir keins. Wenn man von Rostock spricht, muss man denken: Hey, die spielen guten Fußball, die sind erfrischend. Sehen Sie sich Freiburg an. Die haben auch kein Wahnsinnsgeld, aber eine Identität. Weil sie seit Jahren versuchen, guten Fußball zu spielen. Natürlich kann es passieren, dass sie mal absteigen. Aber es kann auch passieren, dass sie mal im Uefa-Cup landen. In Deutschland spricht man gerne von Freiburg.

Von Rostock spricht man überhaupt nicht.

Wir haben eine Menge geschaffen, schauen sie sich unser neues Stadion an. Nur das bekommt niemand mit! Wenn man etwas Gutes tut, muss man es auch gut verkaufen.

Ein gutes Image würde man vielleicht bekommen, wenn man mit jungen Spielern die Bundesliga aufrollt. Von Ihnen heißt es, Sie arbeiten gern mit jungen Spielern.

Natürlich. Weil ich immer bei Vereinen war, die wenig Möglichkeiten hatten. Jungen Spielern kann ich etwas weitergeben. Ich wehre mich dagegen, dass die Profis heute faul und geldgeil sind. Die spielen nicht nur mit der Playstation, die denken auch über Ernährung nach und stellen kritische Fragen.

Zum Beispiel Denis Lapaczinski von Hertha BSC. Den haben Sie in Reutlingen trainiert...

und ich wollte ihn im Februar nach Rostock holen. Aber Herthas Manager Dieter Hoeneß hat ihn nicht gehen lassen. Schade, der Junge hat einen guten Charakter.

Was ist ein guter Charakter?

Wenn man Werte hat und kein Egomane ist. Denis hat sich nie verändert. Auch als er Erfolg hatte, ist er einfach Denis geblieben.

Wie verändern sich andere Spieler, wenn sie Erfolg haben?

Das kommt auf das Umfeld an. Da tauchen dann die Berater auf und sagen: Wir meinen es gut. Aber die sehen nur ihren eigenen Vorteil. Die Jungs bekommen auf einmal Geld, können sich was leisten. Der Denis kam immer mit dem Fahrrad zum Training. Der hätte sich ja ein großes Auto kaufen können.

Es gibt da so einige Weisheiten über Geld...

Geld verdirbt den Charakter? Völliger Schwachsinn. Geld zeigt erst, ob du einen Charakter hast. Wenn ich einen Charakter habe, kann ich ihn nicht verderben.

Die Spieler siezen Sie?

Ja, alle. Das ist eine Frage des Respekts.

Haben Sie denn schon einigen Spielern gesagt, dass sie mit ihnen nicht mehr planen?

Einigen habe ich das schon gesagt.

Und Ihrem zweiten Kotrainer, Wolfgang Funkel, auch? Er war ja der Bruder Ihres Vorgängers, und sein Vertrag läuft ebenfalls aus.

Wenn er einen neuen Vertrag unterschreibt, sage ich Ihnen das. Er wird wohl bleiben.

Zwei Brüder auf einer Trainerbank - das war übrigens eine gute Image-Geschichte.

Ich habe keinen Bruder. Nur eine Schwester, aber die hat keine Ahnung vom Fußball.

Haben Sie Ihre Werte aus der Familie?

Weiß ich nicht, ich hinterfrage mittlerweile sehr viel. Ich habe es früher einfach gehabt, habe schon mit 17 Jahren in der Zweiten Liga gespielt, war Profi mit 18. Da denkt man nicht viel nach. Ich war ein fauler Spieler.

Was hat Sie verändert?

Ein Todesfall. Mein bester Freund ist gestorben, vor neun Jahren. Herzinfarkt. Seitdem denke ich über andere Dinge nach als über Fußball.

Worüber?

Ich suche nach dem Sinn meines Daseins. Sie werden vielleicht lachen, aber bis jetzt bin ich nicht drauf gekommen.

Was sind Ihre Stärken?

Ich rede nicht über meine Stärken.

Über ihre Schwächen liest man viel. In der "Bild"-Zeitung wurde gefragt, ob Sie in der Bundesliga überfordert sind?

Das sind Lügengeschichten. Da hat ein Reporter geschrieben, dass ich weinend das Training abgebrochen habe und die Mannschaft mich ausgelacht hat. Der Reporter war überhaupt nicht da. Am nächsten Tag kam er wieder und tat so, als sei nie etwas gewesen.

Wenn man verliert, werden solche Geschichten gesucht. Wie in Bremen, als Sie nach dem 3:3-Ausgleich in die Kabine gegangen sind.

Da bin ich in der 89. Minute in die Kabine gegangen, das war mir nicht bewusst. Aber alle haben darüber berichtet.

Warum sind Sie denn gegangen?

Weil es mich aufgeregt hat, Mensch. Wir haben zwei Minuten vor Abpfiff den Ausgleich kassiert. Ich bin ja auch gleich wieder raus.

In diesem Moment fiel das 4:3 für Bremen.

Da musste ich mir den Mist auch noch angucken. Über meine Rückkehr hat aber niemand geschrieben. Du musst das alles umdrehen, du musst solche Geschichten mit Humor nehmen. Sonst kriegst du einen Vogel.

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