Sport : Hansa Rostock: Familientreffen auf der Trainerbank

Robert Ide

Er steht ein wenig abseits. Wolfgang Funkel hat in der Ecke des Trainingsplatzes Stellung bezogen und die Arme verschränkt. Hinter ihm krakeelt ein Dutzend Kinder mit blau-weißen Fahnen herum. Vor ihm nimmt Hansa Rostocks zweiter Kotrainer Juri Schlünz immer wieder Anlauf und drischt einen Fußball nach dem anderen vors Tor. Die Stürmer versuchen, die Vorlagen ins Netz zu jagen. Meist geht das schief, dann schimpft Juri Schlünz. Wenn der Ball reingeht, jubeln die Kinder. Wolfgang Funkel steht dazwischen. Irgendwann nimmt er ein paar Bälle und geht.

Wolfgang Funkel ist neu hier. Und doch kennt er sich aus. Am besten kennt er den Cheftrainer von Hansa Rostock, das ist sein Bruder Friedhelm. Seit fünf Wochen sind die Geschwister Arbeitskollegen. Friedhelm, 47, ist der Vorgesetzte von Wolfgang, 42. Heute werden beide bei Hansas Saisonpremiere gegen Bayer Leverkusen auf der Trainerbank im neuen Ostseestadion sitzen - ein Novum in 38 Jahren Fußball-Bundesliga.

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Online-Umfrage: Gucken Sie Bundesliga zukünftig lieber auf Premiere? Ihnen selbst ist die Situation nicht fremd. Sie haben oft im selben Verein gespielt, zuerst beim Heimatklub VfR Neuss, es folgten sechs gemeinsame Jahre bei Bayer Uerdingen. Ihr größter Erfolg war der Pokalsieg 1985 im Berliner Olympiastadion. Gemeinsam gingen sie damals auf eine Ehrenrunde. All das passt perfekt zusammen. Wenn da nicht diese abwiegelnden Worte wären. "Auf dem Platz kamen wir uns kaum in die Quere", sagt zum Beispiel Wolfgang. Und Friedhelm erinnert sich: "Beruflich waren wir sehr erfolgreich." Das klingt trocken, fast ein wenig distanziert. Und es ist so gemeint. Denn in die Quere kamen sich Angreifer Friedhelm und Abwehrspieler Wolfgang auch privat nicht. Gemeinsam zum Training gefahren sind sie nie, bei Mannschaftsfahrten haben sie sich kein Zimmer geteilt und abends gemeinsam weggegangen sind sie sowieso nicht. Sie haben Fußball gespielt, jeder für sich. "Wir haben unterschiedliche Freundeskreise", erzählt Friedhelm Funkel. Eigentlich habe man sich nur bei Familienfeiern getroffen. Oder an Weihnachten.

Sie waren bereits Einzelgänger, als sie anfingen mit dem Kicken. Nach den Hausaufgaben haben sie Fußball gespielt, Tag für Tag, auf dem Bolzplatz hinterm Elternhaus. Doch zusammen kamen sie dabei selten. "Mit den Kleinen wollten wir nicht so gerne spielen", erzählt Friedhelm Funkel. Als er zehn Jahre alt war, fing sein Bruder auch an, mit einem Ball auf Häuserwände zu schießen. Doch er war erst fünf, und musste deshalb mit seinen Freunden oft bei den Garagen bolzen. "Nur wenn sie mal zu wenig waren, haben sie uns mitspielen lassen."

Nun also Rostock, nun also gemeinsam. Kann das gut gehen? "Wir ergänzen uns prima", sagt der Cheftrainer. Sein Bruder nickt. Es scheint zu funktionieren. Da ist der eine, Friedhelm: ein akribischer Arbeiter, der entscheiden kann und entscheiden will. Er mag Klarheit und hasst Unpünktlichkeit. Und da ist der andere: Einer, der leise spricht, der das Essen langsam zu sich nimmt, der Zeit verstreichen lässt. Wolfgang Funkel ist der Mann fürs Gemüt. "Ich kann ausgleichen und mich um die Sorgen der Spieler kümmern." Ein Analytiker und ein Gefühlsmensch - so sitzen sie nebeneinander. Und fallen sich kaum ins Wort.

"Natürlich wird es auch mal Diskussionen geben", sagt Wolfgang Funkel. Noch hält er sich mit Kritik zurück, schließlich hat ihn sein Bruder vom Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen geholt. Trotzdem beharrt er auf seiner fachlichen Meinung, wenn auch nur leise. Zu Hansas neuem Stürmer Markus Beierle, der am Freitag für 1,2 Millionen Mark von 1860 München verpflichtet wurde, sagt er: "Wenn mein Bruder der Meinung ist, dass der zu uns passt, dann ist das schon okay." Euphorisch klingt das nicht.

Streit hätten sie nie richtig gehabt, versichern beide. Ihre Rollen waren immer klar. Der eine war der Ältere, der andere der Jüngere. Zu Weihnachten gab es vom Papa einen Fußball. Doch es gab nur einen, und den bekam zunächst der Ältere. Friedhelm Funkel durfte plötzlich eine neue Lederkugel sein eigen nennen, während Wolfgang mit der alten von seinem Bruder weiterspielen musste. "Da gab es mal Streit", erinnert sich Wolfgang. Ein Jahr später bekam er auch einen neuen Ball. Ein Jahr später.

In diesen Tagen scheint die Sonne in Rostock, eine leichte Brise treibt Seeluft in die Stadt. Sie wohnen nicht weit voneinander entfernt, die Funkel-Brüder, ein paar hundert Meter vielleicht. Wolfgang hat eine Wohnung in Warnemünde gefunden - kleiner als die seines Bruders, aber mit Blick aufs Meer. Am Strand waren sie noch nicht zusammen. "Wir haben mal in Warnemünde einen Kaffee getrunken", sagt Friedhelm knapp. Und die Schwester? "Die interessiert sich nicht für Fußball", sagt Wolfgang.

Friedhelm Funkel sagt, er fühle sich sehr wohl in Rostock. "Unser neues Stadion, das Meer, die Luft - das ist einfach schön." Auch Wolfgang kann sich vorstellen, länger zu bleiben. Ist Heimat nur ein Ort? Oder ein Gefühl? Vielleicht ein Gefühl des Zusammenseins, der Nähe? "Heimat ist an einen Ort gebunden", sagt Friedhelm Funkel mit fester Stimme, "an den Ort, wo man herkommt, wo alles entstanden ist." Wolfgang nickt verhalten: "Ja, das stimmt schon." Irgendwann, sagen beide, werden sie nach Neuss zurückkehren. An den Ort, der für sie Heimat ist.

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